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Münsters Bischof in bewegten Zeiten

Schutzengel neben der Uhr - ein Besuch bei Felix Genn

Günter Benning

Münster - Auf dem Schreibtisch von Felix Genn (61) stehen zwei kleine Bronzefiguren: Der Heilige Ludgerus und sein Schutzengel. Daneben tickt eine Uhr. Mit einem Blick kann Münsters Bischof alles erfassen: Den historischen Gründer seines Amtes, die Spiritualität - und die Zeit, die drängt.

„Wie wollen Sie es machen?“, fragt Genn, als er zum Gespräch das Besuchszimmer des bischöflichen Generalvikariats betritt. Durchs Fenster blickt man auf den Domplatz, auf die gepflasterte Straße, die die meisten Fußgänger nicht wahrnehmen. Sie führt hinüber zum Rathaus. Dieses Rathaus des Westfälischen Friedens beeindruckt den Bischof, „die Geschichte gibt der Stadt eine besondere Note“.

Seit zwei Jahren lebt Genn hier, im Seitenflügel des Generalvikariats. Als er vom Bischofssitz in Essen kam, ging ihm der Ruf eines „Machers“ und Sanierers voraus. Er forciert neue Strukturen von Gemeinden auch im Bistum Münster. Er hat mit der Äußerung, die Kirche sei kein Heimatverein, empfindliche Seelen getroffen. „Das hab´ ich in Essen auch gesagt“, schmunzelt Genn, „keiner hat sich beschwert“.

Felix Genn stammt vom Lande. Aus Wassenach im Landkreis Ahrweiler in Rheinland-Pfalz. Eine seiner Schwestern lebt noch „zu Hause“. Den Adler aus dem Wappen Wassenachs hat er mit in sein Bischofswappen übernommen. „Aber es ist auch das Zeichen des Heiligen Johannes“, erklärt der Bischof.

In seiner Jugend hat ihn der jesuitische Bund Neudeutschland geprägt, der sich die Erneuerung Deutschlands und der Kirche zum Ziel gesetzt hat. Heute leitet der Bischof den priesterlichen Zweig der Johannesgemeinschaft, einer vom ehemaligen Jesuiten Hans Urs von Balthasar und der Mystikerin Adrienne von Speyr gegründeten christlichen Weltgemeinschaft. Er hat sie durch Balthasar in Trier kennengelernt, der Stadt, die Genns zweite Heimat ist. Wenn er in den Urlaub fährt, dann „mit den Trierer Freunden - damit man auch sprechen kann“.

Wer in nur zwölf Jahren vom Trierer Weihbischof zum Bischof von Essen und dann von Münster katapultiert wird, braucht eine Kraftquelle. Für Felix Genn ist es das Gebet, die Einkehr. Manchmal zu ungewöhnlichen Zeiten. Rosenmontag, als 100 Meter weiter das Jeckenvolk paradierte, hatte der Bischof einen Einkehrtag mit einer Priestergruppe.

Münster erkundet der Bischof zu Fuß. Das Fahrrad ist ihm nicht geheuer: „Bei uns in der Eifel fährt niemand ohne Helm, hier alle.“ Für ihn sind die Wege kurz, mitunter schlendert er über den Markt und freut sich, wenn ihn Händler erkennen. „Dann bleibe ich gerne stehen und unterhalte mich.“

Der Bischof ist Frühaufsteher. Fünf Uhr ist seine Zeit, das kennt er vom heimischen Bauernhof. Zum Frühstück gibt es die Lokalzeitungen und die FAZ, das muss reichen. Einen Computer sucht man in seinem Büro vergebens. „Manchmal habe ich mir von meinem Neffen etwas erklären lassen“, sagt Genn. Die Zeit der schnellen Information, des Web 2.0 ist nicht seine. Einen Fernseher gab es „zu Hause“ erst, als er 19 Jahre alt war. Zu spät, um sich daran zu gewöhnen.

Die Hast der Neuzeit, manchmal ärgert sie den Bischof. Wenn er seine Post durcharbeitet, im Büro, im Auto. „Früher überlegten die Leute, bevor sie einen Brief schrieben“, sagt er. Heute wird spontan gemailt, auch an den Bischof. Auch in einem Ton, den er „unchristlich“ nennt.

In solchen Momenten bemerkt man, dass Genn kein westfälisch dickes Fell hat. Sondern eher Rheinländer ist. Angreifbar, verletzlich - und um Antworten nicht verlegen. „An meinen rheinischen Tonfall muss man sich gewöhnen“, sagt er. Er habe sich schließlich in 20 Jahren an den Akzent von Hermann-Josef Spital als Bischof zu Trier gewöhnt, der seine Heimat Münster nie verleugnen konnte.

Münsters Theater hat Genn in den zwei Jahren nicht gesehen, dafür aber zwei Kinofilme, zuletzt „Von Menschen und Göttern“. Mit Besuchern geht er auch gerne essen: „Zu den Traditionskneipen, dem Kiepenkerl und Leve.“ Auch etliche Pizzerien hat er ausprobiert.

Sein Herz schlägt für den Süden. Im Urlaub zieht es ihn mit Freunden nach Italien und Frankreich, nach Burgund, in die Auvergne. „Dieses Jahr“, sagt der Bischof, „ist Südtirol dran“. Die italienische Küche wird er da genießen. Sein Lieblingsgericht mag er nicht verraten („dann krieg´ ich das bloß noch“), wohl aber, dass er ein Freund guter Weine ist. Egal ob rot oder weiß.

Die Audienz ist vorbei, Genn schaut unaufdringlich auf die Uhr. „Fertig?“ Schnell springt er auf, nimmt den Mantel des Besuchers vom Kleiderbügel und hilft dem Gast hinein. Ein Mann, gewohnt, schnell auf den Punkt zu kommen - und zum Ende.

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