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Schwer in Bedrängnis

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Blutiger Protest und neue Verhaftungswellen: Es brodelt gefährlich im iranischen Kessel. Der Aufruhr in den Straßen hat das Regime von Regierungschef Ahmadine­dschad schwer in Bedrängnis gebracht. Was überrascht, ist das Ausmaß der Wut im Volk. Die Gewalt geht nicht mehr nur von den Sicherheitskräften aus, diesmal trifft es auch die Schergen des Gottesstaates.

Die Frage stellt sich: Wie lange hält das Regime dem Druck der Straße stand? Wie lange will der Klerus noch zuschauen und die schützende Hand über den verhassten Diktator Ahmadinedschad halten?

Fest steht: Die Gegenwehr der Opposition ist nach den offensichtlichen Wahlbetrugsmanövern im Juni keineswegs erlahmt. Die gebildete Mittelschicht in den größeren Städten fordert Freiheiten ein. Sie sucht ein Ventil, um dem streng islamisch geprägten Korsett der iranischen Gesellschaft zu entkommen. Schon jetzt hat der Protest das gesamte Land verändert, obwohl das Regime die Opposition mit allen Mitteln zu unterdrücken versucht.

Erstmals kann Teheran nicht mehr leugnen, dass es zu Unruhen kommt, und dass dabei mindestens acht Menschen ihr Leben gelassen haben. Hinzu kommt, dass ausgerechnet am heiligen Aschura-Fest, dem Tag, an dem die Schiiten des gewaltsamen Todes ihres Religionsführers Imam Hussein gedenken, Blut geflossen ist. Dies sät offenbar selbst bei den konservativen Kreisen tiefe Zweifel am Vorgehen der Regierung.

Fest steht auch: Es gibt einen Machtkampf unter den geistlichen Führern des Iran. Mag sein, dass der kritische Flügel durch die jüngsten Ereignisse an Gewicht gewinnt. Die Protestbewegung auf den Straßen wird auch das ins Kalkül gezogen haben, als sie im Schatten des Aschura-Festes die neue Demonstrationswelle auslöste.

Das Fundament des Gottesstaates, den die Mullahs 1979 errichtet haben, wirkt schwer erschüttert. Ein rascher Wandel in Teheran ist dennoch nicht in Sicht. Mit dem Ende der Gewalt wäre viel gewonnen. Das setzt voraus, dass im Klerus die Einsicht reift, ein Bauernopfer zu bringen, indem man Ahmadinedschad in die Wüste schickt.

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