1. www.wn.de
  2. >
  3. Archiv
  4. >
  5. Sechs Richtige für „Schorsch“

  6. >

80 Jahre Lengerich - Artikel - Content

Sechs Richtige für „Schorsch“

Michael Baar

Kattenvenne - „Ihr sucht doch immer was wegen 80 Jahre Landbote.“ Auf einmal steht er da in der Redaktion. Ein gestandenes Mannsbild, einen großen Umschlag in der Hand. Sonore Stimme, freundlich blickende Augen. Ein fester Händedruck. Erwin Schröer nimmt Platz. Er kramt aus dem Umschlag eine kleine, grüne Verpackung hervor. „Ist das was für Euch?“ Es ist eine kleine Zigarettenpackung. Marke „Eckstein No. 5“. Der 71-Jährige legt eine Streichholz-Schachtel dazu. „Die lag dabei“, sagt er.

Gefunden hat er die „Schätze“ in seinem Haus an der Ladberger Straße 20 in Kattenvenne. „Schreib bloß nicht Lienen“, gibt er klare Anweisung. Ein Paohlbürger, das steht fest. Als seine Mutter gestorben ist, sei er von oben nach unten gezogen. „Da war noch Bretterboden, die Dielen bogen sich. Die haben wir rausgenommen“, berichtet er kurz und bündig. Unter den Brettern seien die Zigaretten- und Streichholzschachteln zum Vorschein gekommen. Was das mit dem Jubiläum „80 Jahre Landbote“ zu tun hat? „Das Haus ist 1932 gebaut worden.“ So, wie Erwin Schröer das sagt, sollte man das wissen.

Der gelernte Kaufmann und ehemalige Bahn-Mitarbeiter zieht eine vergilbte Zeitung aus dem Umschlag. „Da“, tippt er mit dem rechten Zeigefinger auf eine Anzeige, „das war mein Opa.“ Kennen gelernt hat er den 1932 Verstorbenen nicht.

Ein Blick in den Umschlag. Erwin Schröer kramt, zieht eine weitere vergilbte Zeitungsseite hervor. „500 000 DM für Meister und Geselle Lotto-Volltreffer viel nach Ringel“. Das hat der „Landbote“ am 9. Dezember 1964 verkündet. „Das war mein Vater“, verkündet der 71-Jährige mit feierlichem Unterton. Als 25-Jähriger hat er das hautnah miterlebt - und weiß entsprechend viel zu erzählen.

„Georges Bacqué kam Sonntagmittag rüber und rief, Chef, wir haben sechs Richtige.“ Sein Vater habe nichts davon gewusst, hatte die Bekanntgabe der Lottozahlen im Radio verpasst. „Schorsch“ ist seit 1940 in Kattenvenne. Als Kriegsgefangenen hat es ihn zu Ewald Schröer verschlagen. Nach dem Krieg bleibt er als Geselle beim Stellmachermeister.

Abends kommen nagende Zweifel am Hauptgewinn auf. Der Radiosprecher nennt als letzte Gewinnzahl die 43, korrigiert sich dann auf 45. Ewald Schröer und „Schorsch“ tippen seit Jahren gemeinsam vier Reihen. Darunter die 2, 4, 8, 23, 33 und 45. Verdunstet der unerwartete Geldregen, bevor er gefallen ist? Am Montag bringt ein Telefonat mit der Lotto-Zentrale Klarheit: Das Duo hat sechs Richtige getippt. In der Abgabestelle, der Gastwirtschaft Vogelsang, wird das Glück begossen - an Nachschub mangelt es nicht.

Ewald Schröer kauft vom Gewinn neue Maschinen für seine Werkstatt. Georges Bacqué baut sich ein kleines Häuschen in Kattenvenne. Zurück in die Heimat, ins südfranzösische Carbonne, will er nicht. Der damals 57-Jährige fühlt sich am Ölberg wohl.

Die Nachricht vom Lotto-Volltreffer dringt bis an den Fuß der Pyrenäen, in „Schorsch´“ Heimat. „Klar sind wir dann mal runtergefahren“, schwingt Verwunderung in der Stimme von Erwin Schröer über die Frage mit. „Ich konnte kaum drei Worte Französisch“, lacht er übers ganze Gesicht beim Gedanken an seinen ersten Besuch in Frankreich.

In einem Laden stehen Bücher und Flaschen in Regalen. Der damals 25-Jährige geht hinein und bestellt ein Glas Weißwein. „Vine blanc“, demonstriert er mit hartem Akzent seine Sprachfertigkeit. Die junge Frau habe ihn verständnislos angeschaut, sei dann nach draußen gelaufen. „Ich bin hinterher und stand mitten in einer Menschentraube“, strahlt er. Die Landsleute hatten „Schorsch“ erkannt, den französischen Lotto-König aus Kattenvenne.

Die Anekdoten sprudeln nur so aus Erwin Schröer heraus. „Wenn die Franzosen ihre Mütze auf dem Kopf drehen heißt das, sie haben den Kanal voll“, erzählt er mit den Händen gestikulierend eine der vielen Episoden. Die Freude am Leben, sie ist dem 71-Jährigen anzusehen und zu hören. Den Boden unter den Füßen hat er ebenso wenig verloren wie sein Vater und „Schorsch“. Der ehemalige Geselle ist erst nach seinem Tod in die Heimat zurückgekehrt, dort beigesetzt worden. „Wie Adenauer“, habe er damals gesagt. „Mit den Füßen voran.“ Das ist am 24. Februar 1975 gewesen, die Beisetzung am 28. Februar. Für Erwin Schröer ein trauriger Geburtstag.

Startseite