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Gesundheit

Selbsthilfegruppe für Angehörige von Demenzpatienten im Raum Ibbenbüren geplant

Vera Konermann

Tecklenburger Land. Als Rolf Beyer* irgendwann morgens mit falsch zugeknöpftem Hemd am Frühstückstisch saß, konnte Ehefrau Monika noch darüber schmunzeln. Und auch, als er die geliebte Gartenarbeit liegen ließ, hatte sie eine Erklärung. „Ich habe gedacht, er ist überarbeitet“, erzählt die heute 57-Jährige. Doch die Arbeitskollegen wussten Bescheid: Irgendetwas stimmte mit dem damals 58-Jährigen nicht. Vergessene Termine, falsch abgelegte Vorgänge, Nachlässigkeiten eines stets auf Korrektheit bedachten Mitarbeiters veranlassten sie, den Sohn von Rolf Beyer, einen Mediziner, einzuschalten. Nach einigen Untersuchungen und einer Kur kam die Gewissheit: Demenz. Das ist gut zwei Jahre her. Seither gerät die Welt des heute 60-Jährigen Stück für Stück ins Vergessen.

„Da fiel ich erst einmal in ein Loch“, erinnert sich Monika Beyer an die Tage und Wochen nach der niederschmetternden Diagnose. „Von heute auf morgen hat sich alles geändert.“ Ihr Mann, der sich bis dato um Geldangelegenheiten, Versicherungen und den Grundbesitz gekümmert hatte, konnte keine dieser Aufgaben mehr wahrnehmen. Den bis dahin als gesund und vital geltenden Mann davon zu überzeugen, dass er nicht mehr Auto fahren dürfe, habe viel Kraft gekostet. Wie eine Lawine rollten unzählige Aufgaben auf Monika Beyer zu. Plötzlich war sie irgendwie allein - obwohl sie in einer festen Partnerschaft lebte.

„Ohne meine Kinder hätte ich das nicht geschafft“, sagt die tapfere Frau heute. Dabei weiß sie, dass jeder Tag nur eine Momentaufnahme ist, dass jeden Augenblick etwas Unerwartetes geschehen kann. So wie neulich, als sie unter die Dusche wollte und ihr Mann mit dem Hund vor die Tür ging. „Ich habe ihm den Hausschlüssel in die Tasche gesteckt. Ihm gezeigt, wo er ist.“ Genützt hat es nichts. Erst nachdem der Nachbar mit ihrem Mann an der Haustür geklingelt hatte, fand sich das gute Stück in der Jackentasche wieder.

Kleinere Suchaktionen gebe es jeden Tag. Zum Beispiel, wenn der Mann die Spülmaschine ausräume. „Dann dauert es eine Weile, bis ich alles wiedergefunden habe“, erzählt sie mit einem Lächeln. Dennoch überlasse sie dem Frühpensionär so viele Aufgaben wie irgend möglich. Dass es unter Umständen sehr lange dauern kann, bis er für kleinere Handgriffe sein Werkzeug gefunden habe, nimmt sie in Kauf. „Er soll sich so selbstständig wie möglich fühlen.“ Kein einfaches Ansinnen, wenn Selbstverständlichkeiten wie das Wechseln einer Glühbirne oder Kopfrechnen nicht mehr möglich sind.

Doch noch hat die Krankheit nicht alle Spuren im Gedächtnis von Rolf Beyer verwischt. Ehefrau und Kinder, Nachbarn und Freunde sind ihm noch ein Begriff. Noch kann er die Zeitung lesen, kommt für eine Stunde allein zu Hause zurecht.

Wenn er gefragt werde, wie es ihm gehe, sage er stets gut gelaunt: „Ich bin jetzt in Rente. Ich bin so froh, dass ich das alles nicht mehr machen muss.“

Dass er seit einiger Zeit eine neue Telefonnummer hat, weiß Rolf Beyer nicht. Von jeher sehr aufgeschlossen, habe er über Wochen hinweg bereitwillig auf jeden Werbe-Anruf, auf jedes zweifelhafte telefonische Angebot zum Glücksspiel reagiert, erzählt Monika Beyer. Als all ihre Hinweise an die Anrufer, ihr Mann könne mit ihnen keine Verträge schließen, verhallten, beantragte sie eine neue Nummer. „Nun haben wir Ruhe.“

Ein Jahr habe sie gebraucht, um offen über Demenz sprechen zu können, sagt Monika Beyer. „Doch irgendwann wollte ich, dass die Leute Bescheid wissen. Ich wollte nicht, dass mein Mann lächerlich dasteht“, entschied sie. Trotz aller Schwierigkeiten weiß sie noch immer das Leben an der Seite ihres Mannes zu schätzen. „Er hat seinen Humor nicht verloren“, sagt sie. Und manchmal sei es einfacher über die Verwirrtheiten zu lachen, auch wenn einem die Tränen im Halse steckten. Außerdem habe sie gelernt, wie sehr ihr Mann ihre Nähe brauche. „Wenn ich ihn drücke oder ihm über die Hand streiche, gibt ihm das Sicherheit“, weiß sie.

Ihre Trauer über den Verlust der einstigen Stärke ihres Mannes verberge sie vor ihm. „Wenn er schläft, dann spreche ich mit meinen Kindern darüber“, nennt sie eine ihrer Kraftquellen. Auch, wenn sie nicht in der Nähe lebten, bekämen sie doch gut mit, wie viele Sorgen mit der Demenzerkrankung verbunden seien. Zum Beispiel die Panik, die die Familie erfasst hatte, als Rolf Beyer im vergangenen Winter von einem Spaziergang in der Nähe der Tochter nicht wieder zurückfand. „Nach anderthalb Stunden haben wir die Polizei gerufen“, schildert Monika Beyer. Angesichts des strengen Frostes habe sie größte Sorgen um ihren Mann gehabt.

Nach drei Stunden sei das quälende Warten vorbei gewesen. Ein Tankstellenbesitzer hatte bemerkt, dass mit dem umherirrenden Mann und dem durchgefrorenem Hund etwas nicht stimmte und holte die Polizei.

„Nun geht er nur noch bei uns zu Hause und im Hellen allein nach draußen“, so die Ehefrau. Abends gehe er mit dem Hund nur noch bis zur nächsten Straßenlaterne. Außerdem schaffte die Familie ein Notrufsystem an, mit dem Rolf Beyer einen Alarm auslösen und geortet werden kann.

Wie lange er seine Frau noch kennt, allein zurecht kommt oder seinen Namen weiß? „Zukunftsgedanken verbiete ich mir“, sagt Monika Beyer bestimmt. Und wenn die kommenden zehn Jahre das Leben wie heute weiterginge? „Das wäre für mich das Größte.“

* Alle Namen von der Redaktion geändert

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