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Lenz Musik

Sido: Tatortwürdig

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Erst mal gibt es großes Kino: Es dröhnt die Stimme von Joachim Kerzel, dem Synchronsprecher von Jack Nicholson, der pathetisch die Rückkehr von Sido verkündet. Dick aufgetragen, aber warum auch nicht, denn wenn schon nicht der Größte, dann ist Sido aber doch der Pionier einer neuen deutschen HipHop-Schule.

Da geht es nicht so drollig zu wie bei Fettes Brot, aber auch nicht so hohl wie in Rödelheim bei Moses Pelham & Co. Stattdessen: aggressiv. Und als ein teigiger Typ namens Paul Würdig aus Berlin-Reinickendorf 2003 zum ersten Mal seine Maske aufsetzte und mit „Mein Block“ ein wichtiges Stück deutscher Rap-Kultur vorlegte, waren diese realistischen Ansätze der Texte tatsächlich noch neu.

Sido gelang es, zu provozieren: Mit ein paar Versautheiten und Anspielungen auf Drogenkonsum und Frauenfeindlichkeit. Für das Label Aggroberlin war dies nur der erste Schritt: Schnell wurde dort die Masche weitergesponnen – und zwar auf immer geschmacklosere Art.

Alles, was bei Sido immer ein wenig spielerisch klingt (schließlich trägt er eine Maske, was ja schon zeigt, dass er sich erst verhüllen muss, um den harten Mann zu spielen), wurde bei Labelkollegen wie dem Sexisten B-Tight oder unerträglich mit deutschnationalen Symbolen hantierenden Fler mehr und mehr inakzeptabel.

Und Sido? Der bleibt auf Platte Nummer vier locker. „Ich & meine Maske“ ist natürlich immer noch kein Album für Eltern und kleine Kinder. Aber es ist auch lange nicht so schlimm und eindimensional, wie man denken könnte. Sido beweist Erstaunliches: Selbstironie („Ich und meine Maske“) oder Sinn für Sozialkritik: Die Story des Familiendramas „Augen auf“ könnte auch ein Tatort-Drehbuch hergeben.

Wer da genau hinhört, muss Sidos Talent als Geschichtenerzähler anerkennen. Und auch die Musik stimmt: abwechslungsreich und durchaus mit Kniffen wie Chören oder Streichern (wie auf der aus diversen TV-Einsätzen bekannten Single „Herz“).

Längst nicht alles ist so gut. Und die furchtbare Aggroberlin-Groß-Protzerei mit B-Tight, Fler und Kitty Kat (die Quotenfrau im Aggro-Stall) sogar unvertretbar.

Man kann jetzt über diese Nummer ganz am Ende der Platte zetern und den kulturellen Untergang Abendlandes wittern. Man kann die CD an dieser Stelle aber auch einfach abbrechen und noch einmal zu den guten Momenten zurückkehren. Verdient hätten sie es.

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