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Siegeswille bleibt auf der Strecke

Alexander Heflik

Münster - Es war Sercan Güvenisik, der kein Blatt vor den Mund nahm, dessen Enttäuschung von hier bis Kap Hoorn zu spüren war, dem das alles nicht so einfach runterging, der nicht zur Tagesordnung rüberschlenderte. „Wo war denn unser Siegeswille nach der Pause? Wo war er?“ blaffte der 30-Jährige. Gute Frage, möglicherweise war es die entscheidende Frage nach dem Gastspiel des SC Preußen Münster beim Bonner SC. Es war eine rhetorische, weil dieses unbändige Streben, diese lustvolle Gier auf drei Punkte - wie so häufig in dieser Saison - nicht ohne Wenn und Aber offensichtlich war.

Das 2:2 (2:2) vor 1300 Zuschauern täuschte nicht darüber hinweg, dass die Elf von Trainer Roger Schmidt an einem Debakel vorbeigeschlittert war. Und es täuschte nicht darüber hinweg, dass der Mannschaft nach dem Wechsel die „Killer-Mentalität“ einer Spitzenelf, eines Titelaspiranten abging, der aus dem 2:2 irgendwie noch einen Sieg kleistert. Spitzenreiter Saarbrücken siegt in der Schlussminute, Verfolger Lotte dreht die Dinge zum Sieg in der letzten Viertelstunde - Münster rettet mit Ach und Krach ein 2:2 beim Bonner SC über die Zeit.

Mal wieder verpackten die Preußen eine Menge in diesen zwei Halbzeiten im Bonner Sportpark Nord. Der Spannungsbogen, den diese Adlerträger aufbauen können, ist kaum zu ertragen. Vor allem die ersten 30, 35 Minuten waren an spielerischer Armut nicht mehr zu unterbieten. Dies war ein Meer aus Fehlpässen, unzähligen verlorenen Zweikämpfen, garniert mit zweifelhafter Einstellung der Protagonisten auf dem Rasen - wer auch immer am SCP interessiert war, musste sich die Haare raufen, manches Büschel blieb in der Hand.

Dabei war es einzig den gnädigen Hausherren zu verdanken, dass es „nur“ 0:2 stand. Nach 105 Sekunden nutzte Ercan Aydogmus die erste Konfusion in Münsters Defensive zum 1:0 aus. Dann holte der unsichere David Buchholz Bonns Bekim Kastrati von den Beinen, den fälligen Elfmeter (27.) von Dalibor Karnay hielt der SCP-Schlussmann allerdings. Zwei Minuten später war es doch Karnay, der den x-ten Stellungsfehler der Preußen-Verteidigung zum 2:0 nutzte. Aydogmus köpfte noch an den Pfosten (37.) und bei der zweiten Chance in dieser Szene am Tor vorbei. Schon da hätte die Messe gelesen sein können, Bonn agierte bissig, griffig, taktisch diszipliniert und zielstrebig. Die Preußen hatten nichts davon.

Roger Schmidt musste förmlich zum Glück, besser gesagt zum Punktgewinn, gezwungen werden. Denn erst als Wojciech Pollok eingewechselt wurde, die Abwehrreihe auf Dreierkette umgestellt wurde und im Mittelfeld ein fünfter Spieler auftauchte, kam einerseits tatsächlich so was wie Kontrolle ins Spiel. Und andererseits ergaben sich die ersten Chancen. Pollok leitete den Anschlusstreffer ein, Mehmet Karas Handspiel bei der Ballannahme blieb ungeahndet, und Sercan Güvenisik köpfte zum 1:2 (38.) ein. Vier Minuten später staubte Güvenisik mit seinem dritten Saisontor im fünften Einsatz erneut ab, nachdem Julian Loose geschossen hatte. Das war ein Zwischenhoch.

Bonn wankte einen Augenblick, doch nach dem Wechsel hatte die Elf von Trainer Wolfgang Jerat sich von den Gegentoren aus dem Nichts wieder erholt. „Uns gehörte die erste halbe Stunde, dann boten die Preußen uns 15 Minuten Paroli. Nach dem Wechsel war das Spiel noch einmal 15 Minuten offen, in der letzten halben Stunde habe ich von Münster nichts mehr gesehen, die waren platt“, ärgerte sich Jerat über das Remis. Man konnte ihm nicht wirklich widersprechen. Selbst Roger Schmidt, der während des Statements seines Kollegen gedankenverloren auf das nun leere Spielfeld starrte, konnte das nicht wesentlich anders gesehen haben. „Da war nichts zu sehen von dem, was wir uns vorgenommen hatten. Die Tore haben wir zu einfach hergeschenkt. Nach der Pause haben beide Teams auf Sieg gespielt, es war ein intensives, ein Kampfspiel, ein gutes Spiel.“ Vermutlich lag er mit der allerletzten Beschreibung nicht ganz so richtig.

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