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Filmrezensionen

„So viele Jahre liebe ich dich“: Schwimmen mit der Schwester

Hans Gerhold

Auf der Berlinale mit einem Publikumspreis und dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnet, hat „So viele Jahre liebe ich dich“ alle Qualitäten eines auf Schauspielkunst setzenden Dramas. Der Debütfilm von Philippe Claudel konzentriert sich auf zwei Schwestern, deren mühevoller Weg der Annäherung eine Sisyphosarbeit mit psychologischen Hemmschwellen ist.

Nach 15 Jahren, die sie wegen der Tötung ihres Sohnes im Gefängnis saß, wird Juliette (Kristin Scott-Thomas) entlassen und von ihrer jüngeren Schwester Lea (Elsa Zylberstein) und deren Familie aufgenommen. Auf Druck der Eltern hatte Lea den Kontakt abgebrochen. Anfangs reagiert Juliette verbittert, trotzig und misstrauisch darauf, dass man ihr kein Verständnis entgegenbringt, strahlt Kühle und abweisende Distanz aus. Normalität kommt nur langsam in Juliettes Leben, zuerst über ihre Nichten, dann durch Lea, mit der sie sich buchstäblich freischwimmen muss.

Das ist ein Fest für Schauspielerinnen, die Herausforderungen wagen. Denn einer Kindsmörderin bringt auch der Zuschauer zunächst alles andere als Verständnis entgegen. Umso gelungener die Leistung von Kristin Scott-Thomas, die innere und äußere Gefängnismauern überwinden muss, und Elsa Zylberstein, deren Sehnsüchte in der Schwester gespiegelt werden.

Schuld und Vergebung also und der arge Weg der Erkenntnis in einem bewegenden Drama, das auch farbdramaturgisch durchdacht ist. Anfangs in statischen Bildern und grau-blauen Farben gehalten, wird die Enge des Raumes in dem Maße von der Kamera überwunden, in dem Juliette und Lea sich näher kommen und den neuen Weg ins Leben wagen. So kompliziert Familienbande sein können, hier sind sie ein Rettungsanker.

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