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Fortsetzungskrimi

Sommerkrimi Teil 14: „Diese blöde Nuss spielt sich mal wieder auf“

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Dem CDU-Fraktionsvorsitzenden fielen fast die Augen aus dem Kopf: Als Heinz Ganzwecker beim Frühstück das „Warendorfer Emsblatt“ aufschlug, sprang ihm die Aufmacher-Schlagzeile regelrecht ins Gesicht: „Durchgeknallt: CDU will Bürgerwehr“ hieß es dort in fetten Lettern. Und dann hatte Chris Wüst in seinem Artikel so richtig vom Leder gezogen. Er warf den Christdemokraten puren Populismus und undemokratische, ja sogar rechte Tendenzen vor. Nur weil die Polizei versage, könne man doch nicht gleich das Recht der Straße einführen und wieder Mittelalter spielen.

„Diese blöde Nuss spielt sich mal wieder als Rächer der Enterbten auf“, dachte Ganzwecker. In der Tat hatte Chris Wüst zu einem seiner gefürchteten Rundumschläge angesetzt und nicht nur der CDU und der Polizei, sondern auch gleich dem ganzen kommunalen System völliges Versagen bescheinigt. Auch die Lanzknechte, die ja jetzt mit ihren nächtlichen Kontrollgängen für Sicherheit und Ordnung in der Stadt sorgen sollten, wurden mit Hohn und Spott übergossen. Einzig Bürgermeister Theo Amwall kam in dem wüsten Kommentar gut weg, weil er die aufgeregte Ratssitzung in seiner ruhigen und besonnenen Art wieder einmal glänzend moderiert habe.

Heinz Ganzwecker war empört. Das würde er sich jetzt nicht mehr bieten lassen. Schließlich gehörte der Emsblatt-Verleger, der genauso wie Ganzwecker Mitglied im Golfclub „Emsputter“ war, zu seinem engeren Bekanntenkreis. „Woll’n doch mal sehen, ob der Wüst dann immer noch so großkotzige Kommentare schreibt.“ Und er beschloss, dem Redakteur des Emsblattes einen Besuch abzustatten, um ihm mal so richtig die Meinung zu geigen.

Ähnliche Gedanken hegte im selben Augenblick auch Horst Frecken. Zeit seines Polizisten-Lebens hatte er sich nur ungern mit den Presseleuten abgegeben. War ja leider nicht zu vermeiden. Mit dem Vorwurf der Unfähigkeit, weil die Warendorfer Mordserie, wie Wüst es nannte, immer noch nicht aufgeklärt sei, konnte er eigentlich noch leben. Aber dass dieser Schreiberling zwischen den Zeilen auf Freckens Kölner Vorleben und seine Verstrickungen in das Rotlicht-Milieu anspielte, ging ihm echt auf die Nerven. „Zu dumm, dass ich da nicht offensiver vorgehen kann“, dachte der Kommissar. Schließlich war ja was dran an den Vorwürfen. Da blieb er lieber in der Deckung. „Irgendwann werde ich mich schon revanchieren können, verschob er seine Rache auf spätere Tage.

Frecken dachte darüber nach, wie er das Heft wieder etwas fester in die Hände bekommen könnte. Wenn schon keine echten Fahndungserfolge zu bieten waren, dann wollte er dem Publikum wenigstens etwas „Äktschen“ bieten.

Die Erleuchtung traf ihn wie ein Blitz: „Vielleicht sollte ich die Warendorfer Rotlicht-Szene unter die Lupe nehmen? Die Jungs sind doch immer gut informiert, was Mord, Drogen und Entführungen betrifft.“ Er könnte also gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Licht in das Dunkel um die Entführung von Marie Löwe bringen. Und gleichzeitig seine alten Kölner Rotlicht-Sünden aktiv widerlegen. Horst Frecken bekam schlagartig bessere Laune.

Davon konnte bei Heinz Ganzwecker wahrlich nicht die Rede sein. Der hatte zwischenzeitlich seinen Redaktionsbesuch beim Neuen Warendorfer Emsblatt angetreten, war aber bei Chris Wüst gegen eine Gummiwand gelaufen. Der hatte sich nur feixend in seinem Schreibtischsessel gefleezt, die Beine auf dem Tisch, und Ganzwecker mit einem blöden Spruch abgemeiert: „Wer sich in die Politik begibt, kommt darin um.“

Ganzwecker tröstete sich mit dem Gedanken an seine Golfrunde mit dem Emsblatt-Verleger am Wochenende. „Chris Wüst wird schon sehen, was er von seinem Geschreibsel hat.“

Außerdem hatte er in der Redaktion eine Szene erlebt, die ihm ein innerer Reichsparteitag war. Einer von Wüsts Kollegen, Winni Mettlendchen, hatte sich nämlich am Telefon mit einer älteren Dame herumgequält, die ihm hartnäckig den Unterschied zwischen Dativ und Genitiv klar machen wollte. Zu guter Letzt hatte die Dame den armen Mettlendchen wohl auch noch höchstpersönlich für alle Druckfehler und Buchstabendreher in der bundesdeutschen Tagespresse verantwortlich gemacht. „Ja ja, jeder hat sein Päckchen zu tragen“, grinste Ganzwecker. Langsam wurde seine Laune wieder besser.

| Fortsetzung folgt| Alle Folgen: www.westfaelische-nachrichten.de

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