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Fortsetzungskrimi

Sommerkrimi Teil 17: „Ich kann das alles erklären, Chef“

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"Aufmachen!“, dröhnte Frecken noch einmal. Härtere Geschütze waren nicht nötig. „Nu seien Se doch bitte ein bisschen ruhiger, sonst beschweren sich die Nachbarn am Ende wieder!“ Mit diesen Worten öffnete sich die Tür. Frecken stand vor einem glatzköpfigen Hünen, der ihn treuherzig ansah: „Was wollen Se denn? Wir haben nichts zu verbergen!“

„Hausdurchsuchung!“, bellte Frecken. „Keiner soll sich von der Stelle bewegen, zeigen Sie mir die Räumlichkeiten. Und Sie kommen mit und nehmen die Personalien auf“, wandte er sich an die beiden Beamten zu seiner Seite. Der Hüne nickte ergeben und drehte sich um. Er steckte in einer Lederweste, die sowohl seine mächtig muskulösen Oberarme als auch seine Brustbehaarung ausnehmend gut zur Geltung brachte, und trug eine schwarzseidene Pumphose, die nach Kosakenart in martialisch aussehende Lederstiefeln mit Chromschnallen mündete. Auf Beinen, die wie griechische Tempelsäulen anmuteten, stapfte er voran.

Die erste Station war eine Art Salon, in dem spärlich bekleidete Frauen mehr oder minder gelangweilt auf Barhockern saßen, an Cocktailgläsern nippten und die unvermeidlichen Pferdeäpfel naschten. In ihrer Mitte ein Gigolo im weißen Seidenanzug, die halblangen Haare in pomadigen Strähnen nach hinten gekämmt. „Boss“, wandte sich der Herkules an ihn. „Wir haben Besuch.“

„Gibt es ein Problem?“, zog der Besitzer des Etablissements fragend eine Augenbraue hoch. „Razzia!“ bellte Frecken noch einmal schroff. „Wir haben Grund zu der Annahme, dass Sie etwas mit dem Entführungsfall Löwe zu tun haben!“ Der Geschäftsmann etwas anderen Stils schien nun doch ungehalten zu werden: „Wofür halten Sie mich?“, sagte er und wies in die Runde. „Alle freiwillig hier. Ich bin doch kein Krimineller! Sie können die Frauen gern fragen.“

„Erst die Zimmer!“, forderte Frecken und rief damit kräftigen Protest hervor: „Ein Haus wie dieses lebt von Diskretion“, wurde der Inhaber laut. „Kümmern Sie sich lieber einmal darum, wie andere ihre Pferdchen am Laufen halten!“, warf er vielsagend ein. Doch Frecken hatte die Bedenken bereits beiseite gewischt und war – auf die einschüchternde Wirkung seiner Polizeieskorte vertrauend – in den Gang getreten, der hinter einem Vorhang abzweigte.

Die erste Tür verbarg, zumindest in Freckens Augen, nichts Besonderes. Ein Zimmer, mit bereits leicht schäbig wirkendem roten Samt ausgeschlagen, ein großes Bett mit goldenem Messingrahmen, ein Paar – das älteste Gewerbe der Welt funktionierte auch in der Provinz nach den gleichen Regeln wie anderswo. Frecken übergab an die Beamten und ging weiter.

Hinter der zweiten Tür ging es schon kreativer zu. Eine etwas ältere Dame schaute den Kommissar überrascht an, als er die gut gepolsterte Tür aufriss. Sie steckte in glänzenden Overknee-Stiefeln mit schief getretenen Absätzen, über deren Schäfte mächtige Schenkel hinausquollen. Ein Lackkorsett brachte die Wülste in der Hüftgegend nur unzureichend in Form. Die rot gefärbten Haare, die an den Ansätzen graue Strähnen zeigten, trug sie zu einem strengen Pferdeschwanz nach hinten gebunden. In der Hand hielt sie einen – Frecken schmunzelte – imposanten Rohrstock.

„Na, Brigitte? Immer noch das gleiche Markenzeichen?“, deutete er auf das Schlaginstrument. Die Domina grinste über das ganze Gesicht: „Mensch, dass ich Sie nochmal wiedersehe, Herr Kommissar!“, entblößte sie eine Reihe nikotinverfärbter Zähne mit Lippenstiftspuren. „Hab’ schon gehört, dass Sie jetzt hier wildern“, grinste sie. „Mich hat‘s auch in die Provinz verschlagen. Zu viel junge und knackige Konkurrenz auf der Kölner Meile unterwegs. Und ich muss ja auch allmählich mal an meine Rente denken . . .“

Im Hintergrund wand sich derweil in effektreiches Schwarzlicht getaucht ein ebenso irritierter wie hilfloser Delinquent an einem Andreaskreuz. Er war von Kopf bis Fuß in schwarzes Latex gehüllt und trug über dem Kopf eine Maske mit Reißverschlüssen für Augen, Mund und Nase. Die allerdings größtenteils geschlossen waren, wie Frecken feststellte. Er trat näher an den Gummimenschen heran und zog schwungvoll einen Reißverschluss auf. Ein graues Auge blinzelte ihm verwirrt entgegen. „Ich brauche ihre Personalien“, informierte der Kommissar den Froschmann. Der stammelte irgendetwas Unverständliches hinter der Latexhaut. Frecken zog an einem zweiten Reißverschluss, der sich prompt in ein Büschel schlecht rasierter Bartstoppeln fraß. „Chef, ich kann das alles erklären . . .“, kam es kleinlaut unter der Maske hervor . . .

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