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Fortsetzungskrimi

Sommerkrimi Teil 19: „Irgendwie stecken die alle unter einer Decke“

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Das Vernehmungszimmer im Warendorfer Polizeipräsidium hatte den Charme einer Bahnhofs-Toilette: Halbhoch gekachelte Wände, eine nackte Neonröhre unter der Decke, vergittertes Fenster. Maik Poppendieker, der Inhaber der „Goldenen Mühle“, fühlte sich auf seinem Stuhl sichtlich unwohl. Nicht nur, weil der knüppelhart war. Poppendieker hatte zudem nicht die geringste Ahnung, warum ihm Horst Frecken und die Warendorfer Kripo mit ihrer Razzia auf den Pelz gerückt waren. Er ging gerade im Kopf sein Sündenregister durch, als Frecken durch die Tür polterte.

„So, mein Lieber“, eröffnete Frecken sein Verhör. Er wusste nur zu genau, dass er ein gefährliches Spiel betrieb, wenn er ohne jeden begründbaren Verdacht im Nebel herumstocherte und den Chef der „Goldenen Mühle“ in die Mangel nahm.

„Aber wer nichts riskiert, gewinnt auch nicht“, dachte Frecken und blies gleich zur Offensive. „Also, mein Lieber, ich weiß ja, dass Du deine dreckigen Finger in mehreren Sachen stecken hast. Aber um die geht es mir heute mal nicht. Was weißt du über die Entführung von Marie Löwe?“

Poppendieker verstand nur Bahnhof: „Nee, Herr Kommissar. In meinem Laden läuft alles sauber und legal ab. Meine Unterhaltungs-Damen haben den besten Leumund und werden regelmäßig ärztlich untersucht. Mit Mädchenhandel hab ich noch nie was zu tun gehabt. Ich bin ein seriöser Unternehmer.“

Frecken schaltete auf die weiche Masche um: „Na gut. Ich glaub Dir heute mal ausnahmsweise. Aber in deinen Kreisen kriegt man einiges mit. Du kannst mir doch nicht erzählen, dass es da überhaupt keine Gerüchte oder Hinweise zu der Entführung gibt.“

Der Mühlenchef stand auf dem Schlauch: Er hatte nicht den Hauch einer Ahnung, was mit Marie Löwe passiert war. Seine „Geschäftspartner“ hatten jedenfalls mit der Sache nichts zu tun. Da war er ganz sicher. Aber irgendeinen Happen müsste er dem Kommissar vorwerfen, um aus der Sache heil raus zu kommen. Das wusste Poppendieker ganz genau.

Krampfhaft dachte er nach, wie er Frecken mit einer Information besänftigen und gleichzeitig seine Haut retten könnte. Blitzartig kam ihm eine Idee: „Dieses Mädel – das ist doch die Tochter von dem Rennbahnbetreiber? Also, Genaues weiß ich nicht. Aber ich habe gehört, dass da verschiedene Leute krumme Dinger mit Pferdewetten am Laufen haben. Illegale Einsätze, Doping, Quotenbeschiss und so. Dieser Schönhausen, der auf der Emsinsel das Riesenprojekt durchziehen will, soll da auch mit drin stecken. Vielleicht haben ja irgendwelche Wett-Gangster ihre Finger drin? Aber ehrlich, ich weiß wirklich nix.“

Pferde-Doping? Wettbetrug? Horst Frecken kam ins Grübeln. Könnte es hier einen Zusammenhang mit dem Verschwinden der Löwe-Tochter geben? Dem weiter nachzugehen war zumindest einen Versuch wert. „Ok, für heute kannst du abhauen“, knurrte der Kommissar Poppendieker an. „Wenn du was hörst, will ich es sofort wissen.“ Der Horizontal-Unternehmer war froh, endlich die Kurve kratzen zu können.

Als Frecken sein Büro betrat, wartet dort schon der nach wie vor zerknitterte Theo Jostmann auf ihn. „Na, heute ohne Latex-Haube?“, pflaumte er seinen Assi an. „Bitte, Chef“, flehte der um Gnade, „nicht schon wieder.“ Dienstbeflissen schaltete er auf engagierten Mitarbeiter um: „Ich habe in Sachen Rotarius recherchiert und sein Alibi überprüft. Da ist alles in Ordnung. Er ist an dem besagten Abend tatsächlich bei seinem Freund gewesen. Es gibt sogar einen Zeugen, der gesehen hat, wie die beiden sich äußerst innig voneinander verabschiedet haben.“

In diesem Augenblick klingelte das Telefon: Brigitte, die Domina aus der „Goldenen Mühle“, die Frecken noch aus seinen Kölner Zeiten kannte, war dran. „Horstilein“, flötete sie. „Ich hab da was gehört. Aber Du darfst keinem verraten, dass es von mir kommt.“ „Na klar“, versicherte Frecken. „Du weißt doch, ich bin diskret wie ein Beichtvater.“

Und sie berichtete ihm von heißen Poker-Runden, die ihr Chef im Hinterstübchen der „Goldenen Mühle“ organisierte und an denen selbst einige der angesehensten Bürger der Stadt teilnahmen. Unter anderem Rotarius und Claus Schönhausen sowie Fred Löwe. Da würden illegal hohe Summen verzockt.

„Komisch“, dachte Frecken, „da kommen immer wieder die gleichen Figuren ins Spiel, wenn hier irgendwas gedreht wird. Irgendwie stecken die alle unter einer Decke.“

| Fortsetzung folgt| Alle Folgen: www.westfaelische-nachrichten.de

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