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Sophies neue Welt

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An ihren Ohrläppchen baumeln Ohrringe mit türkisen Steinen. Um den Arm trägt sie ein gelbes Kautschuk-Band. „Live Strong“ ist darauf eingeprägt. Hinter dem Appell steht der Name einer Wohltätigkeitsorganisation, die Lance Armstrong nach seiner Krebserkrankung gegründet hat. Sophie trägt es jeden Tag. Genauso wie sie seit Monaten fast jeden Tag über den Krebs spricht. Auch wenn seit zwei Jahren keine Krebszellen in ihren Körper gefunden wurden.

Erst waren es nur Stiche in der Seite. Dann wurden die Schmerzen heftiger. Vor etwas mehr als drei Jahren schlug die Bombe ein. Sophie erfuhr, dass sie Krebs hatte. Eine bösartige Variante an der Lunge, die vor allem bei Kindern auftritt. Damals war Sophie 21 und war im dritten Jahr ihres Politik-Studiums. Gerade hatte sie einen Trip nach Indien hinter sich. Und dann das! Sie musste sofort behandelt werden. Über 50 Wochen Therapie bauten sich vor ihr auf, durch die sie durch musste. Über 50 Wochen des Hangelns von einem Untersuchungsergebnis zum anderen. Über 50 Wochen mit Schmerzen und Wut, Verzweiflung und Aufbäumen und dem Gefühl von Ohnmächtigkeit.

Einige Wochen nach der niederschmetternden Diagnose beginnt Sophie, ein Tagebuch zu schreiben. Als ihr die Haare wegen der Chemotherapie in Büscheln ausfallen, schreibt sie auf, was um sie herum und mit ihr passiert. „Ich war dem Tod so nah, dass mir egal war, ob es andere Leute lesen“, sagt Sophie heute.

Mal zieht sie die rote Fransenfrisur auf, der sie den Namen Sue gegeben hat. Ein anderes Mal fühlt sie sich eher nach Pam, die den Look eines blonden langjahrigen US-Collegegirls hat. Blondie dagegen sieht richtig nach einer Perücke aus. Und das bemerkt Hildus, ein Junge, mit dem sie ein Date hat, natürlich. Zum ersten Mal akzeptiert Sophie ihr Schicksal.

„Es gibt den Punkt, an dem man sich mit seinem Schicksal anfreunden kann“, sagt Sophie. Deshalb versucht sie trotz der ständigen Krankenhaus-Termine, sich mit Freunden zu treffen, in Discos zu gehen, Dates zu haben. Nicht akzeptieren kann sie dagegen, dass ihre Eltern, die Schwester und die Freunde wegen ihrer Krankheit verzweifeln. „Es war für mich unvorstellbar, dass meine Eltern jeden Morgen aufwachen und um mich trauern“. Dieses Gefühl von Verantwortung gegenüber ihrer Familie sei ihr Antrieb gewesen, gesund werden zu wollen.

Gut drei Jahre nach der Diagnose sagt Sophie: „Ich bin total zufrieden mit meiner Energie, meinem Leben. Ich vermisse nichts.“ Trotzdem hat sich vieles verändert. Discos und unter vielen Menschen zu sein, das strengt sie an und gibt ihr nicht mehr so viel wie vor der Krankheit. Gleichzeitig habe ihr das Schreiben über den Krebs gezeigt, dass sie Autorin sein möchte.

Ihr zweites Buch ist in der vergangenen Woche in den Niederlanden veröffentlicht worden. „Es macht weiter, wo „Heute bin ich blond“ aufhört“, deutet Sophie an und erzählt noch, dass sich ihre Hauptfigur darin mit dem Tod auseinander setzt und um die Welt reist. Also wieder zu einem guten Teil autobiografisch. Und ein neues Geschenk.

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