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Spitzensport mit Augenzwinkern

Wilfried Sprenger

Münster. Die kleine Szene im Endspiel fügte sich wunderbar in das Gesamtbild eines rundum gelungenen Abends ein. Als der durstige Schwede Jens Lundqvist während des Schlagabtauschs mit Chen Weixing nach einer Erfrischung begehrte, war sein Landsmann Jan-Ove Waldner rasch zur Stelle und bot ihm wahlweise Wasser und Gerstensaft an.

Lundqvist entschied sich schmunzelnd für das Mineral-Getränk, ehe er die Auseinandersetzung mit dem nötigen Ernst fortsetzte. Am Ende blieb dem Skandinavier Platz zwei, weil sein in China geborener und in Österreich lebender Widersacher wieder einmal nicht zu knacken war.

Zum dritten Mal in Serie gewann Chen Weixing am Samstagabend per 4:2-Erfolg das Deutschland-Finale des Enzborn Cups. Über 1000 Zuschauer erlebten in der Ludwig-Erhard-Halle ein spektakuläres Endspiel, das keine Wünsche offen ließ und dem Zuschauer Waldner die amüsante Note verlieh. Um den 15 000-Euro-Siegerscheck kämpften die Protagonisten verbissen und mit aller Energie – es war sehenswerstes Weltklasse-Tischtennis.

In den Gruppenspielen zuvor hatten sich Lundqvist und Weixing jeweils ohne Niederlage behauptet. Der Schwede besiegte zunächst Deutschlands Rekordnationalspieler Jörg Roßkopf und später auch Waldner. Weixing ließ den Deutschen Dimitrij Ovtcharov und Torben Wosik keine Chance. Und weil Wosik schnell ahnte, dass für ihn gegen den Wahl-Österreicher nichts auszurichten war, ließ er sich nach einigen erfolglosen Versuchen, das Abwehr-Bollwerk seines Gegenübers zu stürmen, auf einen tollen Schaukampf ein. Tischtennis mit einem Augenzwinkern – auch das gehört zur Tour der Champions. Die Zuschauer hatten ihre helle Freude.

Ein wenig müde wirkte am Samstag nur Jan-Ove-Waldner. Der „alte Schwede“ (41), erfolgreichster Tischtennisspieler aller Zeiten, verlor auch seine Gruppenpartie gegen Jörg Roßkopf. Richtig in Fahrt kam er erst später auf der Party im Clubheim der Borussen. Auf der kleinen Feier anlässlich des 50-jährigen Geburtstages der TT-Abteilung ließen sich zudem Weixing und Lundqvist sehen. Zu vorgerückter Stunde entschied sich auch der Schwede für ein kühles Blondes.

Mit dem Finale des Enzborn Cups endete für die TT-Asse eine lange Saison. Alle freuen sich auf ein paar Wochen Urlaub. Roßkopf zieht es mit der Familie in die Sonne Griechenlands. Ovtcharov, inzwischen zur Nummer 30 in der Welt aufgestiegen, hat Ferien in der Türkei gebucht. Der 18-Jährige, dessen Familie als Reaktion auf die Katastrophe in Tschernobyl die Ukraine verließ und im niedersächsischen Hameln Wurzeln schlug, gilt gemeinsam mit Timo Boll als größter Hoffnungsträger der deutschen Tischtennis-Zunft für Edelmetall bei Welt- und Europameiserschaften sowie Olympischen Spielen. Roßkopf rechnet fest mit dem jungen Senkrechtstarter, der unlängst bei den Japan Open Olympiasieger Ryu Seung Min aus Südkorea in die Knie zwang. „Dima spielt wirklich schon sehr gut. Wenn er weiter an sich arbeitet, kann er ein ganz Großer werden.“

Genau das hat Ovtcharov im Sinn. Im Mai hat er sein Fachabitur gebaut und die Schule verlassen. Seitdem ist er Vollprofi. In der kommenden Saison spielt er an der Seite von Boll bei Borussia Düsseldorf. Mit sehr hohen Zielen: „In Deutschland sollten wir alles gewinnen. Und in der Champions League wollen wir mindestens ins Halbfinale.“

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