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Kritik an Merkels Bemerkung zu Bin Ladens Tod

Spontane Freude - großer Ärger

unserem Mitarbeiter Volker Resing

Berlin - Im Manuskript stand der Satz nicht. Für ihr Statement am Montagmittag hatte sich die Bundeskanzlerin typisch nüchterne Merkel-Sätze zurechtgelegt. Die Emotionen, die bei einem Ereignis wie der Tötung des Terroristen-Chefs Osama bin Laden mitschwingen, wurden in der Regierungszentrale an der Spree fein säuberlich herausredigiert.

Doch als dann die Nachfrage eines Journalisten kam, da wollte oder konnte auch Angela Merkel nicht mit ihrer Empfindungslage hinterm Berg halten. „Ich bin heute erst einmal hier, um zu sagen: Ich freue mich darüber, dass es gelungen ist, Bin Laden zu töten.“

Freude über eine Tötung? Das geht nicht! Entsprechende Wortmeldungen ließen nicht lange auf sich warten. Bis hoch zum Vatikan gab es Grundsatzerklärungen, dass als Christ Freude über einen Tod unzulässig sei. Der Essener Oberhirte Franz-Josef Overbeck bekräftigte: „Man kann sich als Mensch und erst recht nicht als Christ über den Tod eines Menschen freuen“.

In der Regierung ärgert man sich über die Aufregung. Wer die Kanzlerin kenne und ihre Sätze im Zusammenhang lese, könne sie doch nicht missverstehen. „Ihre Gedanken seien bei den Opfern gewesen“, versuchte Regierungssprecher Steffen Seibert Interpretationshilfe zu geben. Bei Merkel-Vertrauten heißt es, ihre Freude sei echt und „amerikanisch“. Wenn so einem Schurken das Handwerk gelegt werden könne, dann sei auch Genugtuung erlaubt.

Merkels Regierungsstil ist oft als kalt beschrieben worden. Sie selbst organisiert und kontrolliert gern ihr Wirken und ihre Wirkung. Deswegen passt es ihr auch nicht, wenn derart ungewollt Botschaften gesetzt werden.

Es bleibt die Frage, was der Kanzlerin vorzuwerfen ist: Hat sie eine Hau-Drauf-Mentalität, eine moralische Schieflage? Der Parlamentarische Staatssekretär im Familienministerium, der CDU-Politiker Hermann Kues, erklärt, „Freude“ sei das falsche Wort. „Wenn ein Mensch getötet wird, ist das immer eine Niederlage für die Menschlichkeit.“ Dies würde vermutlich auch Merkel unterschreiben. Nur sei eben Bin Laden Urheber von tausendfacher Tötung gewesen, da dürfte die Verhältnismäßigkeit nicht außer Acht gelassen werden, heißt es in Berlin. Vor allem angesichts neuer Details über den Zugriff will die Regierung eine völkerrechtliche Bewertung nicht vornehmen. Nur eine politische Bewertung und eben eine emotionale.

Manchen erinnert Merkels Formulierung vom Montag an ihre Äußerung zum Fall Guttenberg. „Ich habe doch keinen wissenschaftlichen Assistenten eingestellt“, sagte sie damals. Scheinbar harmlos ihre Worte, doch großer Ärger hinterher. Selbst bei der Papstkritik von 2009 waren es unüberlegte Worte vor der Presse, die Merkel in die Bredouille brachten. Manchmal ist eben auch die selbstbeherrschte öffentliche Merkel so, wie sie eben auch ist: spontan, für manche zu spontan. Der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer nahm Merkel vielleicht deshalb in Schutz. Von Freude zu sprechen, sei zwar in diesem Zusammenhang „völlig unangemessen“, sagte er. Allerdings gestehe er Merkel mildernde Umstände zu.

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