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Ständig Ringen um die eigene Identität

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Wenn es um die Pflege von Demenzpatienten geht, macht den Alexianern so schnell keiner etwas vor: Sie haben bei Pflege und Behandlung demenzkranker Menschen Pionierarbeit geleistet.

Demenz ist mehr als Vergesslichkeit und Desorientierung: Es geht um Unsicherheiten im Umgang mit Personen, Probleme der zeitlichen Zuordnung von Ereignissen, um ständiges Ringen um Selbstständigkeit. Und: Es kann jeden treffen. „Der Tag ist noch nicht zu Ende, da beginnt er schon, zu verdampfen“, beschreibt Ansgar Schumacher die Auswirkungen von Demenz. Im Münsteraner Alexianerkrankenhaus beschäftigt er sich mit Demenzkranken, ihrer Therapie und Pflege. Die Alexianer haben bei Pflege und Behandlung demenzkranker Menschen Pionierarbeit geleistet. In der gerontopsychiatrischen Damian-Klinik der Alexianer kümmern er und 50 weitere Mitarbeiter sich um 42 Patienten auf drei Stationen. Täglich setzen sie sich mit älteren Menschen (über 60 Jahre) und ihren psychischen Erkrankungen auseinander.

Oberarzt Dr. Michael Enzl, Ansgar Schumacher und Schwester Andrea Schmiing erklären, nach welchem Konzept das Krankenhaus arbeitet, dass Senioren mehr wollen, als versorgt zu sein, sondern vielmehr individueller Pflege, persönlicher Ansprache und Interesse am Menschen bedürfen.

„Durchschnittlich zwei bis vier Wochen bleiben die Patienten bei uns“, weiß Enzl aus langjähriger Erfahrung und stellt klar, dass die Damian-Klinik ein Krankenhaus ist und damit „kein Ort, wo die Menschen auf Dauer bleiben“. Wenn die Patienten zum ersten Mal in die Klinik kommen, sei eine gründliche Untersuchung und Diagnostik erforderlich, um festzustellen, ob tatsächlich eine Demenz vorliegt: „Oft sind es nämlich andere Faktoren, die die klassischen Symptome wie Vergesslichkeit und Orientierungslosigkeit hervorrufen“, so der Oberarzt, „das können Blutarmut, Stoffwechselerkrankungen oder auch Nebenwirkungen von Medikamenten sein. Immerhin nehmen 70-Jährige durchschnittlich fünf bis sieben verschiedene Medikamente parallel ein.“

Werde dann tatsächlich eine Demenz festgestellt, gehe es zunächst darum, mögliche begleitende Erkrankungen, die eine Demenz verschlimmern können (zum Beispiel Depressionen) zu erkennen und zu behandeln. Typische Verhaltensstörungen wie Unruhe, Schlafstörungen oder Reizbarkeit seien oft die Folgen einfach zu behebender Ursachen wie Verstopfung, Schmerzen, Reizüberflutung. Hier gelte es, die Auslöser zu finden und zu beheben.

„Uns geht es nicht darum, die Patienten einfach ruhig zu stellen. Wie wollen vielmehr herausfinden, warum der Patient unruhig ist.“

Unruhe ist angesichts der Diagnose Alzheimer typisch: „Demenz bedeutet ein ständiges Ringen um Realitätsbezug und um die Aufrechterhaltung der eigenen Identität. Die ständige Unsicherheit darüber, wo ich bin und was um mich herum geschieht, bedeutet einen erheblichen Stress, der nach außen hin oft als Unruhe und Gereiztheit zum Ausdruck kommt“, erklärt der Oberarzt.

„Aufzuhalten oder gar heilbar ist die Krankheit nicht“, nimmt Enzl kein Blatt vor den Mund; die Gerontopsychiatrie könne den Verlauf lediglich verlangsamen und dem Patienten das Leben so angenehm wie möglich machen. „Dafür sind neben medikamentöser Behandlung vor allem tagesstrukturierende Angebote und intensive Betreuung wichtig“, meint Enzl: „Die Patienten wollen Lebensqualität, haben Interesse am Tagesgeschehen, wollen Kontakte pflegen und sich unterhalten. Die Gesprächsinhalte verlieren hierbei zunehmend an Bedeutung, viel wichtiger ist der Kontakt, die echte und aufrichtige Zuwendung, das Interesse am anderen.“ Stünden zu Beginn der Erkrankung Gedächtnisstörungen im Vordergrund, könnten Demenzkranke im weiteren Verlauf ihre früheren Aktivitäten oft nicht mehr wahrnehmen. „Kegel- und Kartenclub werden aus Scham nicht mehr aufgesucht, und es kommt zu einer zunehmenden Isolation und Einsamkeit“, beschreibt Ansgar Schumacher, „man muss den Menschen zeigen, dass sie zu etwas zu gebrauchen sind.“ – „Dabei setzen wir Reize und versuchen, an die früheren Hobbys anzuknüpfen“, erklärt Schwester Andrea Schmiing. So hat jede Station eine eigene Küche, in der Kochgruppen sich um das Essen kümmern. Von Handarbeits- und Malkursen übers Arbeiten mit Speckstein und das Brennen selbst gefertigter Tongefäße bis hin zu Sitzgymnastik, Schminknachmittagen und therapeutischem Reiten ermöglicht die Einrichtung beinahe jedes Hobby. Und das alles eingebettet in einen klar in Abschnitte gegliederten Tag: von der morgendlichen Körperpflege bis zum Abendessen. Das führe zu einer größeren Zufriedenheit der Patienten in einem Krankenhaus, das eher an ein Hotel erinnert, als an eine psychiatrische Klinik.

Unabdingbar fürs Funktionieren des Konzeptes sei dabei eine intensive Betreuung. „Die Patienten erhalten eine individuelle Pflege nahe am Patienten“, weiß die gelernte Altenpflegerin, die viele Jahre auf der Station der Klinik gearbeitet hat, wo schwerst-demente Patienten in Behandlung sind. Genau deshalb ist sie zu den Alexianern gewechselt: „Die klassische Altenpflege war mir zu weit weg vom Patienten.“

Von morgens bis abends werden die Patienten betreut, in drei Schichten mit jeweils 7,5 Stunden. „Auf jeder Station sind maximal 14 Patienten. Darauf kommen drei examinierte Pflegekräfte sowie Praktikanten, helfende Schüler oder Zivildienstleistende. Wichtig ist hierbei die Kontinuität des betreuenden Personals. Ein häufiger Wechsel der Bezugspersonen gerade außerhalb der vertrauten, häuslichen Umgebung führt oft zu weiteren Irritationen und Verunsicherungen des ohnehin orientierungslosen Patienten.“

Penibel halten die Pflegekräfte die Befindlichkeiten der Patienten fest und sprechen bei jeder Schichtübergabe über jeden einzelnen. Dazu Schumacher: „Wir hatten schon mal einen Patienten, bei dem es morgens unglaublich schwierig war, ein Hemd anzuziehen. Bis wir herausgefunden haben, dass es problemlos ging, wenn das Hemd von einer anderen Seite angereicht wurde. Wenn das alle Pflegekräfte sowie später die Betreuung im Heim oder im heimischen Umfeld wissen, bleibt beiden Seiten viel Mühe und Stress erspart.“ Denn: „Es geht in erster Linie darum, was der Patient mag. Das Umfeld muss sich anpassen, nicht der Patient.“

Eng im Kontakt steht das Alexianer-Personal daher auch mit Angehörigen und ambulanten Pflegediensten, die sich nach der Entlassung um die Demenzkranken kümmern. Und trotz aller Möglichkeiten und vielen Mitarbeitern „geht man manchmal an seine Grenzen“, gibt Andrea Schmiing zu, „aber wenn ein Patient, der eigentlich kaum noch sprechen kann, mir gerade noch verständlich mitteilt: ,Ich bin zufrieden‘, dann entschädigt das für Vieles.“

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