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Bundestagswahl News

Steinmeier formuliert verständlicher als Merkel

unserem Redaktionsmitglied Dorle Neumann

Stuttgart/Münster - Lange und verschachtelte Sätze, viel zu viele Fremdwörter, Begriffe wie „kalte Progression“, die nicht erklärt werden - Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier machen es ihren Zuhörern oder den Zeitungslesern im Wahlkampf nicht gerade leicht. Das ergab eine aktuelle Studie der Universität Hohenheim.

Die Vermutung, dass sich viele Politiker von der Sprache ihrer Wähler entfernen, will der Hohenheimer Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider aber so nicht bestätigen: „Ja und nein. Dass Politiker auch anders können, stellen sie immer wieder unter Beweis: Wenn Politiker Erfolge feiern oder den politischen Gegner angreifen, dann äußern sie sich sehr verständlich. Wenn sie hingegen unpopuläre Maßnahmen ankündigen oder Misserfolge ansprechen müssen, dann werden sie unverständlich; dann wollen sie nicht verstanden werden“, erklärt er gegenüber unserer Zeitung. Dazu kämen immer wieder eine Bürokraten-Sprache und ein Insider-Jargon.

Gäbe es Noten für die Verständlichkeit, schnitte der SPD-Spitzenkandidat besser ab als die CDU-Chefin. Auf dem „Hohenheimer Verständlichkeitsindex“ von 0 (= sehr unverständlich) bis 20 (= sehr verständlich) erzielt er einen Wert von 16,4 Punkten. Angela Merkel erreicht hingegen nur 13,9 Punkte - ist also oft unverständlicher als Steinmeier.

Brettschneider kritisiert diese mangelnde Verständlichkeit ganz ungeschminkt. „Damit die Wählerinnen und Wähler eine begründete Wahlentscheidung treffen können, sollten insbesondere die Kanzlerkandidaten ihre politischen Positionen klar und deutlich darstellen“, gab er gestern zu bedenken. Wer überzeugen wolle, müsse zunächst einmal verstanden werden.

Er hat aber auch positive Beispiele parat: „Was die Sprache betrifft, so ist Franz Müntefering immer noch an der Spitze. Auch Gregor Gysi kann sich, beispielsweise in Talkshows, sehr verständlich ausdrücken.“

Unterschiede stellt die Studie zudem bei Sachthemen fest. Angela Merkel formuliert demnach ihre Positionen zur Justizpolitik, zur Rentenpolitik und zur Arbeitsmarktpolitik verständlich. Unverständlich bleibe sie bei der Europa-, Bildungs- und Umweltpolitik, heißt es. Steinmeier dagegen drücke sich verständlich aus, wenn es um Migranten- und Minderheitenpolitik, um Familien- und Rentenpolitik geht. Weniger klar äußere er sich zur Energie-, zur Verteidigungs-, zur Europa- sowie zur Forschungs- und Bildungspolitik, so die Studie.

Für die Untersuchung wurden 52 Fernseh-, Radio- und Zeitungsinterviews der beiden Kontrahenten ausgewertet. Die Verständlichkeit der Politikeraussagen wurde mittels einer Software ermittelt. Diese berücksichtigt relevante Textfaktoren wie die Satzlänge, die Wortlänge, Schachtelsätze oder den Anteil abstrakter Wörter.

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