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Kinderkochschule

Stiefmütterchen zergeht auf der Zunge

Münster. „Iiiih“, kreischt Antonia, denn am festen Schuhwerk ihrer Freundin Greta klebt eine Nacktschnecke. Die Exkursion in das Reich der wilden Kräuter und Pflanzen am Wegesrand hat gerade erst begonnen...

Dietrich Harhues

<1>Münster - „Iiiih“, kreischt Antonia, denn am festen Schuhwerk ihrer Freundin Greta klebt eine Nacktschnecke. Die Exkursion in das Reich der wilden Kräuter und Pflanzen am Wegesrand hat gerade erst begonnen. An einer Wiese im Botanischen Garten mit Gänseblümchen. Die wandern in die Körbe und die Nachwuchskoch-Karawane zieht weiter durch die Anlage der Uni.

Nur wenige Stationen weiter hat Antonia mehrfach Gelegenheit zu beweisen, dass sie doch ein mutiges Mädchen ist. Zum Beispiel, indem sie sich lila-gelbe Stiefmütterchen auf der Zunge zergehen lässt. Herbert Voigt, technischer Leiter des Botanischen Gartens, nennt die zu Tausenden blühenden Exemplare Hornveilchen. Denn dieser Name erleichtert es, eine Brücke zu schlagen – zu Veilchenpastillen und damit zu der Tatsache, dass Stiefmütterchen nicht nur beliebter Grabschmuck, sondern auch Heilpflanzen sind. Das und noch vieles mehr erfahren und erschmecken die rund 30 Jungforscher bei der Kinder-Kochschule der Westfälischen Nachrichten und des Köcheclubs Münsterland im Verband der Köche Deutschlands (VKD).

<2>Das Überraschendste auf der Tour über die schmaleren Pfade des Pflanzen-Kosmos hinter dem Schloss: Die „Iiiihs“ bleiben selten. Die Gartengäste kleben an den Lippen der spannenden Ausführungen von Voigt, der die oberste Regel gleich zu Anfang nennt: „Probiert nur, was ihr ganz sicher kennt.“ Genuss und Gefahr liegen eng beinander. Zwischen Fenchel, Klee und Margeriten (die allesamt in die Körbe als Rohstoff fürs Essen wandern), wachsen auch die giftigen Butterblumen. Dass auch Maiglöckchen giftig sind, wusste Niklas.

Die Reise durch das Reich der Pflanzen umfasste einen Abstecher zu dem Rosenbusch und das Ernten von Giersch, der oben am Kalkmagerrasen in Massen wächst und Gegner Nummer eins vieler Hobbygärtner ist. Für Voigt schmecken die Blätter des auch Zipperleinskraut genannten Wildkrauts etwas nach Möhre, was Hannah und Emily auch bestätigen. Sie haben ihre Bast-Körbe bald voll und ziehen mit Voigt, seiner Gärtnerin Ocelia da Silva und der Landschaftsökologin Ruth Schimaneck über das Alpen-Panorama zur Orangerie.

Dort haben Holger Wegmann, Melanie Purwin und Mario Engbers vom Köcheclub Münsterland alles vorbereitet für einen kulinarischen Genuss an langen Tafeln unter Farnen und Palmen. Vor dem Kalorientanken schlüpfen die Kinder aber in ihre Kochschürzen, die sie ebenso wie die Mützen behalten dürfen. Besucher des Botanischen Garten wundern sich über das Treiben in dem denkmalgeschützen Gebäude, in dem bis vor einigen Wochen empfindliche Pflanzen überwinterten. In drei Gruppen geht´s an die scharfen Messer, Löffel und Töpfe: Ob Kartoffeln schälen und Eier aufschlagen fürs Püree mit Kräuter-Rührei, ob Kräuter schneiden, Grünzeug waschen und das Honig-Sahne-Dressing anrühren für den Fitness-Salat oder den süßen Kräuter-Blütenquark rühren für die Vollkorn-Canapees – alle Kinder haben ihre Aufgabe. An den langen Tischen erzählen sie dann von den Abenteuern beim Unkräutersammeln und knüpfen neue Freundschaften.

In den Pausen bleibt noch Zeit für die Sensorik-Schulung mit Gerüchen von der Kiefer bis zur Zitrone.

Die mutigen Mädchen und couragierten Knaben kennen keine kulinarischen Hemmschwellen. Fast alle langen ordentlich zu, und stillen ihren Durst bei Gundermann-Limonade. „Alles war lecker“, sagt Sebastian.

Und als Holger Wegmann zum Nachtisch noch Gundermann-Eis mit Erdbeeren und Kräutern verspricht, stachelt ihn sein Bruder Tristan an: „Komm, lass’ uns schnell aufessen!“

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