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Straßenkinder: „Hier kannst du keinem trauen“

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An der Talstraße in Hamburg bläst der Wind kalt um die Ecke. Hier sitzt Jan auf dem Bürgersteig, hält einen Pappbecher in der Hand. „Haben Sie etwas Kleingeld für mich?“ fragt er die Leute. Eine Frau gibt ihm 50 Cent. „Du bist viel zu jung zum Betteln“, sagt sie. Jan antwortet darauf nicht. Er ist 16 Jahre alt. Jan bettelt, weil er vor einer Woche von zu Hause ausgerissen ist. „Die erste Nacht habe ich im Parkhaus geschlafen“, erzählt er. „War okay, aber kalt.“ Mit den Eltern hatte der Punker nur Ärger. Das Leben auf der Straße erscheint ihm als Ausweg. Aber ist es das?

Der Hauptbahnhof in Hamburg ist ein Treffpunkt für Straßenkinder. Bianca, 18 Jahre alt, hängt hier seit Stunden herum. Sie hat in den letzten Jahren immer wieder auf der Straße gelebt, oft monatelang. „Am Bahnhof findet man immer jemanden zum Reden. Man fühlt sich dann nicht so allein“, sagt sie. Am Bahnhof treffen sich auch Erwachsene ohne Zuhause. Bianca nennt sie Kollegen. „Freunde sind das nicht“, betont sie. „Du kannst hier keinem trauen. Ich hab mal einen Typen gefragt, ob er auf meinen Rucksack aufpasst. Als ich wiederkam, war er weg. Der Rucksack auch.“

„Zum Glück gibt es das ,Kids‘ “, sagt Bianca. Das „Kids“ ist rund 50 Schritte vom Bahnhof entfernt. Es ist ein Ort, wo Straßenkinder Hilfe finden. In einem großen Raum stehen Sofas und Kicker. Nebenan ist eine Küche. „Bei uns bekommen die Jugendlichen eine warme Mahlzeit, können ihre Wäsche waschen und duschen“, erzählt der Leiter Meent Adden. Beim Projekt „Hirntoaster“ sollen Jugendliche wieder Spaß an Schule und Lernen finden. Außerdem bietet das „Kids“ Beratung an. „Wir helfen praktisch. Aber vor allem wollen wir die Jugendlichen zu einem normalen Leben zurückführen“, sagt Adden. Bei Bianca hört sich das gar nicht so einfach an. Sie ist von zu Hause weggelaufen, als sie 13 Jahre alt war. Ihr Vater hatte ihr so schlimme Dinge angetan, dass er dafür vielleicht ins Gefängnis kommt. Bianca träumt schon lange von einem normalen Leben. Vielleicht wird es jetzt wahr. Die Betreuer vom „Kids“ haben ihr eine Wohnung vermittelt. „Ich fahr gleich nach Hause“, sagt sie, als es spät und dunkel ist.

Jan dagegen will diese Nacht wieder Platte machen. So nennt er das, wenn er irgendwo draußen schläft.(dpa)

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