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Drei Jahrzehnte Kunstdebatte

Streit fördert Erkenntnis

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Münster. Seit dem Herbst 1974 ist es in Münster richtig mucker. Damals trat aus dem Knistern und Knirschen in den Köpfen der Paohlbürger, Beamten und Akademiker eine Diskussionsfreude zutage, wie es sie vorher kaum gegeben hatte.

Marietta Kemper fand, dass die sich bewegende Apparatur des „kinetischen Wibbeldings“ den Erholungswert des ruhigen Parks der Engelenschanze störe. Die Weiten der Rieselfelder seien ein besserer Platz. Hermann Reiter hat offensichtlich zu viel Luft der 68er-Revoluzzer inhaliert: Das „engagierte Nein des Publikums“ gründe „nicht allein im gesellschaftlichen Vorzug sozialer Zwecke, sagen wir: ästhetischen (irrationalen)“.

„Das ,Nein‘ richtet sich auch gegen den absoluten Anspruch der Plastik, ein Kunstwerk zu sein“. Ein Plebiszit sei leider wohl nicht zu erwarten. Daher solle man dem Herrn Rickey den Lohn eines Arbeiters für fünf Tage als Anerkennungsgebühr zahlen. „Nichts ist so empörend wie der Obrigkeitsanspruch von Kunstsachverständigen, deren Verdienst sich in ihrem Management erschöpft .“ Und er schließt: „Den wackeren WN aber Dank für das Mitspracherecht ihrer Leser. Vivant sequentes!“

Richtig Spass hatte Eberhard Richter: „Da hat ein Spielzeug die Bürger spielend zur Diskussion bewegt und schon soll das Spiel aufhören? . . . Ich möchte weiterspielen und werde gespannt meine Zeitung in den nächsten Tagen aufblättern.“ Es werden Wochen und Monate sein, in denen die Münsteraner diskutieren. Selbst der langjährige Bundesfamilienminister (1953-1962) Dr. Franz-Josef Wuermeling (1900-1986) hängte sich aus dem Fenster und wetterte gegen das „Riesenkinderspielzeug“. Münster habe sich mit dem „Picasso-Blitz“ am Theater „schon als fortschrittlich genug gezeigt“. Die Arbeit von Norbert Kricke sehe aus, als sei ein Elektro-Handwerker nicht fertig geworden. Nachdem Angestellte der Dresdner Bank ein Gegenmodell mit vier Flügeln und fünf Ecken je Platte („29 Prozent mehr Kunst als Rickey“) erstellt und ein Angelmodder Kegelverein in einer Nachtaktion sogar einen Rickey-Nachbau auf der Engelenschanze aufgestellt hatten, meldete sich der in Münster lebende Bundesminister a.D. in den Westfälischen Nachrichten gleich mit einer Büttenrede zu Wort (siehe Kasten). So wird seit drei Jahrzehnten in Münster lebendig über Kunst gestritten. Bleibt zu hoffen, dass die Streitlust auch bei den „Skulptur 2007“ nicht nachlässt. Oder mit Architekt Daniel Liebeskind: „Streit fördert die Erkenntnis, und das ist viel wert.“

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