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Vorrunde Gruppe A

Südafrika zwischen Frust und Trotz

Michael Schulte

Pretoria - Am Mittwoch war Feiertag in Südafrika. „Youth-Day“, der an den Soweto-Aufstand am 16. Juni 1976 erinnert. Damals wurde der Anfang vom Ende der Apartheid eingeläutet, leider mussten das viele Menschen, auch Schüler und Jugendliche, mit dem Leben bezahlen. Und an diese Opfer wird Jahr für Jahr gedacht.

Am Mittwoch war noch ein Feiertag, weil Südafrika wieder am Ball war. „Bafana, Bafana“ sollte mit einem Sieg gegen Uruguay den Einzug ins Achtelfinale vorbereiten. Das Ergebnis (0:3) ist bekannt, aus dem Feier- wurde ein Trauertag. Tief enttäuscht verließen die Fans in ihren gelben Trikots das Loftus-Versfeld-Stadion in Pretoria, einige hatten Tränen in den Augen, kaum einer blies noch ins Horn. Sie sind Realisten, die Südafrikaner, und hoffen nicht auf das theoretische Wunder, mit einem Sieg über Frankreich doch noch alles klarmachen zu können. Aber was wird mit der Stimmung im Lande, ist die WM dann plötzlich nicht mehr wichtig?

„Auf keinen Fall“, sagt Lisa, die im Stadion von Pretoria Ordnerdienste verrichtet. „Wir freuen uns sehr, dass wir die WM ausrichten dürfen. Wenn unsere Jungen nicht mehr dabei sind, dann werden wir andere Mannschaften anfeuern.“ An wen denkt sie da? „Deutschland und Brasilien“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Sie ist froh, dass sie Teil dieser WM sein darf. 200 Rand (rund 20 Euro) am Tag bekommt sie für ihren Einsatz, sechs Tage wird sie insgesamt dabei sein. Mit der Entlohnung ist sie zufrieden. Das durchschnittliche Monatseinkommen liegt bei 2200 Rand (rund 220 Euro).

Mittendrin und doch nicht dabei sind die bedauernswerten Leute, die sich „Stewards“ nennen. 90 Minuten falsch herum stehen und Fußball nur hören - das muss doch bitter sein. „Okay, ich würde auch lieber hinsehen. Aber wir müssen nun mal die Zuschauer beobachten, nicht das Spiel“, kommt Siyabonga mit seinem seltsamen Job klar. Er gehört zur Schar der Personen, die das komplette Spielfeld umstellen, aber niemals einen Ball sehen. Es sei denn, dieser fliegt mal auf die Tribüne. „Ich schaue mir die wichtigsten Szenen am nächsten Tag an. Hier läuft Fußball doch rund um die Uhr am Fernseher. Da verpasst man nichts.“

Rund um das Stadion in Pretoria haben sich viele Menschen das Spiel in Kneipen, Bars und Pubs angesehen. Natürlich herrscht auch hier Tristesse nach dem Abpfiff, auch wenn Mari, eine 27-jährige Studentin, begeistert ist. „Hier war das mexikanische Fernsehen, und ich habe ein Interview gegeben.“ Sie strahlt über das ganze Gesicht, weil sie verkünden dürfte, dass die Südafrikaner weiterhin viel Spaß bei der WM haben werden. Auch wenn das eigene Team nicht mehr dabei sein sollte. Sie beschäftigt nur ein Gedanke: „Kann ich über das Internet dieses Interview sehen?“ Das wäre für Mari der ganz persönliche Feiertag.

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