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Filmrezensionen

„Tangerine“: Der Himmel über Marokko

Hans Gerhold

Tanger ist nach wie vor ein Mythos. Die marokkanische Hafenstadt, einst Paradies von Beatniks und Hippies und Station auf dem Weg nach Indien, ist in Irene von Albertis Regiedebüt „Tangerine“ handlungsbestimmender Hintergrund einer flirrenden Dreiecksgeschichte mit Spotlights auf Musik und Frauenkultur einer Welt, die Westler nie recht verstehen werden.

Die kapriziöse Pia (Nora von Waldstätten), ihr Freund Tom (Alexander Scheer) und seine Musikerfreunde verbringen auf der nicht sehr eifrig betriebenen Suche nach den musikalischen Wurzeln des Rock einige Zeit in Tanger. In einer Disco wird Pia auf die schöne Amira (Sabrina Ouaza) aufmerksam, die hinreißend tanzt und alle in ihren Bann zieht. Als sie Amira in einer Bar wiedersehen, beginnt die Verführungskunst der Marokkanerin zu wirken, die Tom als willkommenes Mittel sieht, an ein Visum nach Casablanca zu gelangen. Als Amira in eine Razzia gerät, könnte ihr Pia helfen, verleugnet sie aber.

Soweit der eher lose Handlungsfaden, der dazu dient, etliche Streifzüge durch Tanger zu unternehmen und sich im Basar, im Hafen, am Strand , in der Altstadt und anderen reizvollen Stätten umzusehen. Was während der Flanierstunden geredet wird, ist uninteressant. Wirklich Essentielles wird über Freundschaft, Liebe und Verrat nicht gesagt, ein altes Problem deutscher Jungfilmer. Das zweite Problem sind die deutschen Hauptdarsteller, die als gelangweilte Touris nur vorgeben, Interesse für andere Kulturen zu haben und so hilflos wie verständnislos handeln.

Viel interessanter ist die Frauen-WG um Neshua (Nazima Bouzid), die Amira aufgenommen hat - eine Gruppe von fünf Frauen, die sich ohne Männer durchschlagen, Gelegenheitsprostitution betreiben, ihre Kinder durchbringen und aus Tanger raus wollen. Da und nur da zeigt der Film die wahren Kulturunterschiede in einer Stadt, der Bernardo Bertolucci in „Himmel über der Wüste“ (nach dem Roman von Paul Bowles) wesentlich ästhetischere Aufmerksamkeit schenkte. Das war ein großer Film, „Tangerine“ lebt von seinem Abglanz.

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