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Sommerkrimi

Tatmotiv Eifersucht? – Ein Beigeordneter gerät in Verdacht

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Binnen einer Minute ist Wiesel bei Strauchs an der Iltisstraße, reißt Stefan die Schmusedecke vom Kopf und löchert seinen Kumpel in maschinengewehrfeuerartiger Geschwindigkeit mit Fragen: „Was weißt du denn über den Mord? Wer ist dieser Stefan Plötzer? Und wer ist der Mörder?“ – „Du glaubst mir doch Klaus, nicht wahr?“ Strauch will Gewissheit. „Natürlich glaub ich dir. Aber nun erzähl endlich!“ – „Stefan Plötzer“, fängt Strauch an. „Den habe ich vor Jahren bei einem Band-Contest kennen gelernt. Ich war Sänger bei Timmeless, und er hat bei so ‘ner Gruppe aus Ahaus mitgespielt. Jetzt lebt er gar nicht mehr hier in der Gegend. Aber seine Eltern und Tanten und Onkels wohnen noch in Ahaus. Bei denen ist er gerade zu Besuch. Und vorgestern haben wir uns zufällig getroffen. Wir kommen ins Gespräch. Er fragt mich, weil ich doch aus Gronau komme, ob ich denn auch Markus Püning kenne, das sei nämlich ein Vetter von ihm. Ich sag‘, natürlich kenn ich den, das ist unser Beigeordneter und der heiratet bald. Und dann erzählt er mir, dass der Markus, also Püning, am Donnerstag ganz verstört zu seinen Eltern gekommen sei.“

Wiesel kriegt ganz große Ohren, als Strauch weiter erzählt. „Also: Püning kam rein und war völlig von der Rolle. Hat auf Weiße geschimpft. Was der sich herausnähme. Das sei doch nicht mehr feierlich. Seinetwegen habe er viel zu wenig Zeit für die Hochzeitsvorbereitungen. Stundenlang müsse er im Rathaus sitzen. Und das Schlimmste wäre: Beim Abschluss-Umtrunk des Rats, nach der letzten Sitzung vor der Sommerpause, wo man die Partner mitbringen durfte, habe Weiße seiner Verlobten schöne Augen gemacht. Das schlage dem Fass doch den Boden aus. Püning muss echt auf 180 gewesen sein, erzählt Plötzer mir. Und dass er gehört hat, wie sein Vetter den Weiße zur Rede stellen will.“

„Eifersucht! An das Motiv habe ich ja nun überhaupt noch nicht gedacht!“ Wiesel schlägt sich mit der flachen Hand vor den Kopf. „Ich wette, Püning ist am Donnerstag zu Weiße gefahren und hat ihn sich zur Brust genommen. Und dann ist die Sache eskaliert und er hat Weiße eines auffe Omme gegeben. Mit dem Eisenrohr.“

„Aber wie willst du das beweisen“, fragt Strauch. Dass ihm sein Freund die Geschichte abkauft, richtet ihn wieder ein wenig auf. „Ich meine“, fährt er fort, „der Püning hat sich doch schon häufiger mal aufgeregt. Aber meines Wissens noch keinen umgebracht. Im Gegenteil.“ – „Richtig, aber früher war er ja auch noch nicht verliebt. Eifersucht ist was völlig anderes, als wenn sich jemand über irgendetwas anderes aufregt. Ich könnte mir schon vorstellen, dass Püning der Täter ist. Das würde auch erklären, warum er in den letzten Tagen so schrecklich nervös ist und wie bekloppt durch die Gegend düst. Er muss ja von Gewissensbissen völlig aufgefressen werden.“

„Gut, aber auch das reicht nicht, um ihn zu überführen. Wir glauben doch nur, dass er es war. Beweise sehen anders aus.“ – „Da hast du leider Recht. Ich muss mir was einfallen lassen. Hör mal, Stefan, behalt das alles für dich. Ich will selber dahinter kommen, ob Püning tatsächlich der Täter war.“ – „Keine Sorge, Klaus. Selbst wenn ich ihnen das erzählen würde: Die Kommissare glauben mir sowieso nix mehr.“

Doch an diesem Abend kommt Wiesel nicht dazu, sich weiter um den Fall Püning zu kümmern. Als er nach Hause kommt, steht Otto Dohle schon in voller Sissi-Montur vor der Tür. „Komm, Klaus. Wir müssen noch grillen üben, wenn wir morgen Meister werden wollen.“ Wenig später hängt eine beachtliche Qualmwolke über dem Anwesen der Wiesels, während die beiden als Sissi und André Drieu verkleideten Möchtegern-Grillkönige sich intensiv den Wurstschnecken und Koteletts widmen.

Nur einen Kilometer raucherfüllter Luftlinie vom Gourmet-Experimentierlabor in Wiesels Garten entfernt streicht eine Gestalt um die Tore der Antonym-Kirche – und tritt schließlich durch das Portal ein. Pfarrer Schulze Riestenpatt, der im Beichtstuhl vergeblich auf bekennende Sünder wartet, wird auf die Gestalt aufmerksam, als sie vor einer Marienstatue auf die Knie fällt . . .

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