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WN-Krimi Greven

Teil 8: Damensolo und Quittungen für Hostien

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Eduscho beschloss, den Stier bei den Hörnern zu packen. Habeniks Haushälterin hatte ihm einen Namen genannt: Maximilian Immerrecht. Er stieg die Treppe des Achtfamilienhauses an der Sachsenstraße hinauf. Seine Schritte klangen hohl auf den Betonstufen, die vollgeklebt waren mit Kaugummi. Aus einer Wohnung tönte laut Schlagermusik. „WDR 4 wird auch nicht besser“, dachte sich der Kommissar. Eine Etage höher klingelte er. Eine zierliche Frau öffnete ihm, während sie sich die Hände an einer gestreiften Schürze abwischte. Eduscho zeigte ihr seine Marke. „Kann ich Ihren Mann sprechen?“

Das Zimmer, in das die Frau ihn führte, überraschte den Kommissar. An allen Wänden Regale, die Bücher türmten sich auf Stühlen und Teppichen. Eines der Bücher schien von einem „Fatima-Weltapostolat“ zu handeln, ein anderes lag aufgeschlagen da und war über und über mit roten Anmerkungen und Ausrufezeichen versehen. „Glaubenswächter. Katholische Traditionalisten im deutschsprachigen Raum“, las der Kommissar. Auf einem Tisch bemerkte Eduscho eine glänzende Trompete. Erst jetzt fiel sein Blick auf einen Mann, der an einem Computer saß. Groß war er, hager, von ungesunder Blässe. Seine Hand zitterte, als er Eduscho zum Sitzen aufforderte. „Sie kommen wegen des toten Pastors?“, fragte er. „Die Strafe des Herrn hat ihn ereilt.“ Eduscho ließ sein Gegenüber nicht aus den Augen. „Kann schon sein. Ich wüsste nur gern, ob Sie Sein Werkzeug waren.“

Immerrecht gab keine Antwort. Sein Blick schien immer noch am Computer zu hängen. Erst jetzt bemerkte der Kommissar, dass dort anscheinend ein Doppelkopfspiel im Gange war. „Sie spielen ein Damensolo?“ Der Spieler in ihm erwachte, er besah sich die Karten näher. „Spielen Sie die Dulle aus.“ Immerrecht schüttelte den Kopf. „Wäre fatal“, brummte er und entschied sich für den Bauern. Fasziniert sah ihm Eduscho zu. Er erkannte einen Meister, wenn er ihn sah. Immerrecht war zweifellos brillant.

Das Doppelkopf-Intermezzo hatte das Eis gebrochen. Immerrecht erzählte ohne Punkt und Komma. „Der Mann war ein Verräter am katholischen Glauben“, beschuldigte er den toten Pastor. „Ich habe ihm keine verpasst, aber Sie können mir glauben, ich hätte es oft gern getan - besonders in letzter Zeit.“ Und dann zählte er die Sünden des Verstorbenen gegen Rechtgläubigkeit, Moral und Kirchendisziplin auf. „Es fing schon vor Jahren damit an, dass er die Mädchen Messdiener werden ließ.“ Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene, eine Lektorin, die in wilder Ehe lebte, sogar die Ehe zwischen einer Katholikin und einem Muslim habe Habeniks gesegnet - immer unterstützt von diesem Reckenfelder Emeritus Mauritz Arbeitsam. „Und das alles hat ihm nicht gereicht. Er wollte die Union mit den Evangelischen - und wollte dafür die Dogmen von der Unfehlbarkeit des Papstes aufgeben, denken Sie nur.“

Als Eduscho Immerrecht verließ, war er von zwei Dingen überzeugt: Immerrecht hatte Habeniks gehasst, er war über seinen Tod tief befriedigt - aber er hatte nichts damit zu tun. Der Mann hatte ein Alibi - Doppelkopf mit zwei Jerichobrüdern und, wie er widerwillig zugab, Elise Kurtmann, der Küsterin der evangelischen Lutherkirche. „Sie ist eine Ketzerin, wenn mans genau nimmt“, meinte er verlegen. „Aber sie spielt grandios.“ Er hatte geseufzt. „Wir sind allzumal Sünder, nicht wahr?“ Eduscho war dieser Satz zwar ziemlich protestantisch vorgekommen. Aber das hieß natürlich nicht, dass er nicht wahr war.

Beim Tandure-Grill gönnte sich Eduscho einen Döner. „Heiß heute“, nickte er dem Mann am Steinbackofen zu. „Der wischte sich den Schweiß ab und meinte: „Und dazu noch Ramadan.“ - „Sie dürfen also nichts trinken?“ Der junge Pizzabäcker lachte. „Keine Sorge. Ich bin Alevit. Wir nehmen es nicht so streng. Ist wie katholisch und evangelisch.“

Während Eduscho seinen Tee schlürfte, betrat Peter Paar das Lokal. Hatte der nicht mit St. Laurentius zu tun? Der Kommissar bat den Mittfünfziger an seinen Tisch. „Sie gehören zum Kirchenvorstand?“, kam er gleich zur Sache. Paar seufzte. „Ich hab schon befürchtet, dass wir um dieses Gespräch nicht herum kommen werden.“ Und dann packte er aus. Sprach davon, wie entsetzt man wegen der Fusionspläne gewesen sei. Man habe Habeniks bedrängt, sich etwas einfallen zu lassen. Der habe sowieso nicht weggewollt aus Greven. Eines sei allen Beteiligten klar gewesen: Gegen die Fusion helfe allein der Beweis, dass man eine lebendige Gemeinde sei mit hohen Kirchenbesucherzahlen. „Na, und da kam der Pastor eben auf die Idee mit der Kommunion für Protestanten.“

Eduscho war baff. „Und das sollte die Leute vom Bistum umstimmen?“

Paar nickte trübe. „Ich sehe, Sie kennen das System nicht. Das Bistum zählt die Gottesdienstbesucher anhand der Quittungen für den Hostienkauf. Und Hostien haben wir plötzlich fast doppelt so viele gebraucht wie sonst.“

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