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Filmrezensionen

„The Social Network“: Erst die Rache, dann der Coup

Hans Gerhold

Vordergründig ein dynamisches Porträt des Facebook-Erfinders Mark Zuckerberg, ist David Finchers „The Social Network“ eine elektrisierende Gesellschaftsstudie, die so nah am Puls unserer Zeit ist, wie Filme nur sein können - aufgezogen am Beispiel der Elite-Universität Harvard, des Gerangels um Facebook und der Auswüchse von Geld, Macht, Einfluss, Geltungssucht und Werbekunden.

Attackierte Fincher mit „Fight Club“ die 90er und ihren Konsumterror, so liefert er jetzt eine sarkastische Abrechnung mit den Zehnerjahren als Kampf um den Schatz im Internet - unverschämt unterhaltsam im rasenden Stil einer Screwball- Comedy.

Folgerichtig setzt der Film mit einem vibrierenden intellektuellen Streitgespräch zwischen Nerd Zuckerberg (Jesse Eisenberg) und Freundin Eri­ca (Rooney Mara) ein, die sich in einem Pub von ihm trennt. Das Computergenie rächt sich, zapft locker („Möge das Hacken beginnen“) im Uni-internen Netzwerk Datenbanken an und erlangt mit der Website „Bewerte das Ausehen deiner Kommilitoninnen“ Aufmerksamkeit.

Was als Bubenstreich beginnt, entwickelt sich im Affentempo zu dem, was als Facebook ein weltweites Forum von mittlerweile 500 Millionen Nutzern wird, die sich austauschen, den Alltag teilen und „Freunde“ (was immer das sein mag mag), gewinnen (wollen).

Zuckerberg jedenfalls schafft sich Feinde fürs Leben, weil er - als Ideenklauer vor Gericht von den Brüdern Winklevoss angegangen - nicht verhindert, dass sein bester Freund und Mitstreiter Eduardo Saverin (Andrew Garfield) ausgebootet wird. Auch mit Napster-Erfinder Sean Parker (Justin Timberlake) erleidet er beinahe Schiffbruch, und vor dem PC wartet er vergeblich auf Erica. Der Beatles-Song „Baby, You´re a Rich Man“ setzt ironisch den Schlusspunkt.

Man muss das immer wieder betonen: Keine kommerzielle Erzählmaschine der Welt kann derart schnelle und scharfe Dialoge so fantastisch und schlüssig schreiben wie das amerikanische Kino. Zwei Stunden Laufzeit wirken wie eine Viertelstunde. Fincher inszeniert virtuos und fiebrig. Montage, Kameraarbeit und Musik sind ein Genuss. Auch wenn man am Ende über Funktion, Wirkung und Gefahren von Facebook nicht mehr weiß als vorher, bleibt es eine moderne Gesellschaftsstudie mit Pfiff.

Jesse Eisenberg spielt Zuckerberg, mit 25 der jüngste Milliardär aller Zeiten, grandios. Timberlake liefert eine tolle Show als Lebemann, Garfield zeigt schon jetzt, dass er, der künftige „Spider-Man“, besser als Tobey Maguire ist (wer war das nochmal?), und Rooney Mara gibt eine Kostprobe ihrer möglichen Fähigkeiten als Lisbeth Salander in Finchers „Verblendung“-Remake. „The Social Network“: cool, geil bis zur letzten Hirnzelle, neben „Inception“ der Film des Jahres.

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