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Eine Frage der Moral

Theologin hinterfragt die Maßnahmen im Anti-Terror-Kampf

wn

Münster - Bin Laden, der Terrorpate, ist tot, in seinem pakistanischen Luxus-Versteck erschossen von US-Spezialkräften. Nach der ersten Euphorie - Freudenfeste in den USA und Gratulationen aus vielen Teilen der Welt - melden sich am Tag zwei auch kritische Stimmen: Top-Terrorist hin oder her, Bin Laden wurde ge­tötet.

Der internationale Terrorismus und die nationalen Reaktionen darauf, konkreter: Wie steht es eigentlich um die ethischen Aspekte bei dieser nicht selten als Krieg bezeichneten Terrorbekämpfung? Mit Fragen wie dieser befasst sich die Moraltheologin Dr. Katharina Klöcker aus Münster.

Die 38-Jährige, die an der münsterischen Uni forscht und lehrt, hat sich diesem brisanten Spannungsverhältnis aus der Perspektive einer katholischen Theologin genähert. Dabei geht es ihr vor allem um die grundsätzliche Frage, ob Staaten in ihrem Bemühen, dem niemals zu erreichenden Ziel einer absoluten Sicherheit näherzukommen, nicht willentlich die Freiheitsrechte der Bürger über Gebühr einschränken und damit letztlich die Grundfeste des Rechtsstaates aufgeben. Das sei, sagt sie, auch aus moraltheologischer Perspektive zu hinterfragen.

Auf den ersten Blick sind die Argumente der 38-Jährigen womöglich verstörend, Es lohnt sich aber, genauer hinzublicken und vor allem: der Theologin zuzuhören. „Indem Osama bin Laden mit dem Bösen schlechthin identifiziert und der Terror als das größtmögliche Übel dargestellt wurde“, erklärt Klöcker, „höhlen Staaten ih­re freiheitlichen Prinzipien schleichend aus, und zwar mit dem Argument des kleineren Übels.“ Telefon- und Videoüberwachungen, Onli­ne-Durchsuchungen oder die Debatte um Nacktscanner an Flughäfen: „Im Kampf gegen den Terror werden immer häufiger Eingriffe in die Privatsphäre oder Verletzungen der Freiheitsrechte toleriert“, kritisiert Klöcker. Im Gegenzug erhofft man sich ein höheres Maß an Sicherheit. Doch zum Wesen des Terrors gehört seine Unkalkulierbarkeit. Das Sicherheitsverlangen nimmt immer maßlosere Züge an.

Nun ist die Wissenschaftlerin alles andere als naiv. Auch ihr ist natürlich klar, dass Staaten ihre Bürger vor jedweder Bedrohungen zu schützen haben, was gerade bei diffusen und darum besonders Angst machenden Terrorgefahren alles andere als leicht ist.

„Mir ist jedoch wichtig, dass die Gefahren solch präventiver Maßnahmen diskutiert werden“, sagt Klöcker. Während alle Welt nach mehr Sicherheit ruft, hat sie beispielsweise das Po­tenzial untersucht, das in der Unsicherheit steckt. „Wer sich in Sicherheit wiegt“, sagt die Wissenschaftlerin, „wird so schnell nicht auf die Idee kommen, etwas verändern zu wollen oder für mehr Gerechtigkeit einzutreten.“ So wie derjenige, der alles tut, um im Anti-Terror-Kampf die Illusion der eigenen Unverwundbarkeit zu erhalten, kaum ei­nen Blick darauf verschwenden wird, nach den Wurzeln des Terrorismus zu fragen.

Natürlich ist all das abstrakt, vermutlich bekommen Innenpolitiker bei Gedanken wie diesen auch graue Haare. Gleichwohl sei es wichtig und lohnend, sagt Klöcker, solcherlei Fragen zu stellen, sie grundsätzlich zu diskutieren und die Politik damit zu konfrontieren. Letztlich, sagt Klöcker, verringern die meisten Sicherheitsaktionen nämlich nicht die Angst vor dem Terror, sondern wecken vielmehr das Bedürfnis nach noch mehr Prävention, ohne dass je absolute Sicherheit erreicht wird. Im Gegenzug werden kostbare Freiheitsrechte aufs Spiel gesetzt. „Damit hat der Terror jedoch eines seiner wichtigsten Ziele erreicht.“

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