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Thorsten Schäfer-Gümbel: Aus dem Hut gezaubert

Michael Giese

Wiesbaden/Münster. Eine Chance wird ihm kaum zugetraut. Aber bislang hat sich Thorsten Schäfer-Gümbel beachtlich und unaufgeregt aus der Affäre gezogen. Der SPD-Spitzenkandidat wurde nach der blamablen Ypsilanti-Pleite wie das berühmte Kaninchen aus dem Hut gezaubert – ein „no name“ selbst im Hessenland.

Anfangs musste der 39-Jährige Spott und Hohn ertragen – wegen seines Doppelnamens. Und wegen seiner Brille. Schäfer-Gümbel benötigt starke Brillengläser, weil er noch zu Studentenzeiten eine Netzhautablösung erlitten hat.

Inzwischen trägt der Kandidat eine neue Brille. Aber die öffentliche Häme hat ihm nicht geschadet: Seine Bekanntheitswerte sind dadurch in den wenigen WahlkampfWochen erstaunlich in die Höhe geschnellt. Seine neue Rolle als hessische Ulknudel hat ihn bekannt gemacht. „Yo, isch kann“, ist auf dem Poster eines Hannoveraner Designers zu lesen. Schäfer-Gümbel – als Obama aus Hessen.

Zwar sprechen die Umfrage-Werte nicht für ihn, aber Schäfer-Gümbel erweckt trotz aller Aussichtslosigkeit im Rennen gegen CDU-Konkurrent Roland Koch den Eindruck eines fröhlichen, zupackenden Menschens.

Der Mann aus der 750-Seelen-Gemeinde Lich-Birklar im Norden Frankfurts mag es nicht, wenn er als „Hinterbänkler“ bezeichnet wird. Dennoch musste er bei seinen Wahlkampfauftritten bis zuletzt erfahren, dass ihn nicht jeder SPD-Anhänger sofort erkannte, wenn er den Saal betrat.

Schäfer-Gümbel gilt als Parteilinker – wie Andrea Ypsilanti. Doch von der gefühlten Ministerpräsidentin hat er sich längst distanziert, um wenigstens den Hauch einer Wahlchance zu wahren. Er tritt für die Energiewende ein und den Mindestlohn ein. Auch das Thema Bildung setzt der SPD-Politiker auf die Prioritätenliste. Beim Schlagabtausch aller Spitzenkandidaten im Hessen-Fernsehen warnte Schäfer-Gümbel davor, Kinder in bestimmte Schubladen einzuordnen. „Wir müssen die Türen für Talente offen halten, statt sie systematisch zuzumachen, wie das in den letzten Jahren passiert ist.“ Es müsse mehr Angebote für gemeinsames Lernen geben, die verkürzte Gymnasialzeit „G8“ sei „grundfalsch“. Offen hält er die Koalitionsfrage – nur nicht mit Roland Koch, so lautet seine Marschroute.

Schäfer-Gümbel hat in Hessen einen soliden Wahlkampf geführt. Unabhängig vom Ausgang am Sonntagabend bescheinigt ihm SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier, dass der Landtagsabgeordnete aus dem Wahlkreis Gießen II eine Zukunft in der Partei hat: Thorsten Schäfer-Gümbel werde seinen Weg in der Partei machen.

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