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Marienschule Münster

Tierhilfe: Leute, die Tiere wichtiger nehmen als anderes

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Nicole hilft Tieren in der Türkei, die es nötig haben, dass man ihnen hilft; sie verschließt nicht die Augen wie so viele, wenn sie auf der Straße geht. Ein Interview mit ihr:

Kümmern Sie sich nur noch um Tiere oder sind Sie auch berufstätig?

„Ja, wir, mein Mann und ich, betreiben eine Tauchschule in Colakli, die von Ende März bis Mitte November geöffnet hat.“

Wie bekommen Sie ihren Beruf und die Tiere unter einen Hut? Die Tiere verlangen doch sicher sehr viel Zeit.

„Teilweise stehe ich während der Saison 20 Stunden auf den Beinen, doch ohne Job würde kein Geld reinkommen, und so muss ich beides unter einen Hut bekommen, denn die Tiere brauchen 24 Stunden Hilfe. Durch die Dankbarkeit der Tiere erhalte ich die Energie, um nicht aufzugeben, auch wenn es manchmal wirklich an die Substanz geht. Die größte Unterstützung bekomme ich von meinem Mann, der großes Verständnis aufbringt und auch tatkräftig mithilft oder mir auch oft frei gibt, damit ich z.B. während der Arbeitszeit zu einem Hilferuf eilen kann.“

Auf welche Weise helfen Sie den Tieren?

„Einige nehme ich auf und vermittele sie nach Deutschland, verletzte oder kranke Tiere bringe ich zum Tierarzt und lasse sie dort behandeln, doch mein größtes Augenmerk liegt darauf, Straßenhunde und Katzen kastrieren zu lassen. Dann haben wir Futterstellen, denn gerade im Winter haben die Tiere kaum Möglichkeiten, Futter zu finden, da die Hotels geschlossen sind und auch kaum Touristen da sind.“

Warum helfen Sie den Tieren?

„Seit ich denken kann, war es mein Ziel, mit Tieren zu arbeiten. Leider kam es dann anders, und ich lernte einen anderen Beruf. Als ich jedoch 1991 das erste Mal die Türkei besuchte, sah ich das Elend links und rechts. Die meisten Menschen gehen daran vorbei oder sagen „Wie schrecklich“, aber mehr auch nicht, und davon werden die Tiere auch nicht gesund oder satt. Für die meisten Einheimischen sind die Straßentiere ein großes Problem: Sie denken, Tiere sind dreckig, gefährlich, übertragen Krankheiten, und so werden sie misshandelt, missbraucht, getötet. Da kann ich nicht einfach wegschauen. Für mich sind gerade die Hunde und Katzen das größte Glück, und ich bevorzuge einfach die Tiere vor dem Menschen.“

Welche Tiere nehmen Sie auf? Nur bedürftige Tiere? Nur Katzen?

„Leider sind meine Kapazitäten und meine finanziellen Möglichkeiten sehr begrenzt, und so sind es meist Welpen, die ohne Mutter gefunden werden oder eben auch sehr kranke Tiere, die eine intensive Pflege benötigen. Meine Hilfe beschränkt sich nur auf Hunde und Katzen.“

Welche Vorlieben haben Sie bei den Tieren?

„Bei der Tierhilfe geht es nicht um Vorlieben, sondern darum, wer Hilfe braucht. Ob sie nun klein oder groß sind, mit langem oder kurzem Fell – wenn sie Hilfe brauchen, schaue ich niemals, ob der oder die mir besser gefällt, da muss man sofort handeln. Aber selbstverständlich habe ich private Vorlieben, und das sind die Hunde und dann die besonders großen kräftigen mit viel Muskeln und Falten, z. B. Mastino Napolitano, Bordeaux Doggen.“

Wie finanzieren Sie all das?

„Ich verzichte auf sehr viel und gönne mir kaum etwas. Es kommt viel aus der eigenen Tasche, aber da gibt es auch Spender, Paten, und ich bettele bei Freunden und der Familie. Jedoch ist da auch die Tierhilfe Antalya, die ab und zu hilft.“

Wie viele Tiere haben Sie im Augenblick?

„Momentan leben neun Hunde und elf Katzen bei mir, bei einer Bekannten habe ich nochmals vier Hunde untergebracht, und an der Tauchschule leben auch noch zwei Hunde. In den nächsten Wochen werden aber die meisten nach Deutschland ausreisen, da sie endlich eine neue Familie gefunden haben.“

Haben Sie auch Lieblinge unter den Tieren, Tiere, an die Sie sich besonders gut erinnern?

„Ja, da gibt es natürlich die Lieblinge, z.B. meine kleine Amy, die ich mit ihren drei Geschwistern aufgenommen habe, oder die kleine Saphira die völlig abgemagert war und durch ihre Räude kein Fell mehr hatte und übersät war mit offenen Wunden, oder unsere Fee, die einen dreifachen Hüftbruch hatte und nicht mehr laufen konnte. Doch mein Favorit und meine größte Liebe war mein Oskar, ein Mastino, den wir im März 2006 aus einer Kettenhaltung, misshandelt und unterernährt gerettet haben; leider ist er an einer Magendrehung gestorben.“

Warum können Sie sich grade an diese Tiere so gut erinnern? Warum sind grade diese Tiere ihre Lieblinge?

„Besonders die schwer erkrankten, wo wir eben gekämpft haben, dass sie überleben, bleiben in Erinnerung oder die mit dem liebsten und treusten Blick. Es ist wie bei den Menschen: Da gibt es eben auch die, die man besonders mag, wie die Freunde und die anderen, die Bekannten. Natürlich sind die eigenen Tiere immer die, die einem am meisten ans Herz gewachsen sind, denn ab und an behalten wir die Tiere auch. “

Haben Sie „Helfer“ - Tierarzt, Tierpaten und andere?

Was passiert mit den Tieren nachdem Sie sich um sie gekümmert haben?

„Die meisten versuchen wir doch nach Deutschland zu vermitteln, denn nachdem man sie gesund gepflegt hat, kann man sie eigentlich nicht mehr auf die Straße zurückbringen. Das Größte ist natürlich, wenn sie nach Deutschland ausreisen, nur können eben nicht alle nach Deutschland, und so versuchen wir auch hier die Tiere zu vermitteln. Leider ist es aber hier sehr schwierig, weil gerade Straßenhunde von den Einheimischen nicht gewollt werden. “

Gibt es auch andere Leute in ihrem Freundeskreis, die sich wie Sie um bedürftige Tiere kümmern?

„Es sind nur sehr, sehr wenige; eigentlich nur meine Bekannte Angelika hier vor Ort. Die meisten finden es zwar traurig, aber das war es dann auch schon. Die Ausreden sind: der Mann, der es nicht möchte, kein Geld, ich arbeite, kein Platz, habe einen Hund oder eine Katze, Kinder vorhanden… Einige wenige sind auch in Deutschland, die helfen, indem sie Tiere zu vermitteln versuchen oder Hilfsgüter sammeln wie Medikamente. Es sind nur wenige, die wirklich tatkräftig helfen, und das über eine lange Zeit, aber ein großes Dankeschön an die, die immer noch tatkräftig helfen. Leider kann man sich auf keinen verlassen, und wenn Leute ein Tier finden, rufen sie mich oder Angelika an, anstatt mal selber etwas zu machen. Natürlich gibt es noch einige andere, die sich hier um die Straßentiere kümmern, nur sind es viel zu wenige, und eben die, die helfen, sind genauso überlastet wie ich.“

Was war der Fall, der Ihnen am meisten unter die Haut gegangen ist?

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