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europawahl2009

Triumph der Liberalen

unserem Korrespondenten Franz Ludwig Averdunk

Berlin - Rohdaten der Meinungsforscher wurden noch am Nachmittag leidlich SPD-verträglich hochgerechnet. Als die Zeiger der Uhren von 17.59 auf 18.00 Uhr vorrückten, konnten sich denn auch in den Berliner Parteizentralen viele noch nicht die arge Klatsche für die Genossen ausmalen - schon gar nicht im Willy-Brandt-Haus, wo die Wahlparty-Besucher im Foyer dann geradezu von einem kollektiven Schock erfasst wurden.

Parteichef Franz Müntefering fasste sich als erster: bloß kein langes Lamentieren, nach 20 Minuten gleich der Blick nach vorn. „112 Tage“, hämmerte er seinen Zuhörern ein, Bundestagswahl in 112 Tagen.

Wahlabend paradox bei der SPD. Das Entsetzen kehrte sich in überschwänglichen Beifall für Müntefering und Europa-Spitzenkandidat Martin Schulz um. „Wir bedanken uns für den Mut, den ihr uns macht“, quittierte das der Parteivorsitzende trocken: „Meistens ist es ja umgekehrt.“

Münteferings erste Analyse: „Wir wussten um Mobilisierungsprobleme.“ Aber natürlich: „Das Ergebnis ist deutlich schlechter als erhofft.“ Darüber trösteten auch die „deutlichen Abbrüche“ bei CDU und CSU nicht hinweg.

So unerwartet der Frust über die SPD hereinbrach, so überraschend das Ausmaß der Zufriedenheit im Konrad-Adenauer-Haus. CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla kostete das „Fiasko für die SPD“ gründlich aus. Zum einen sei der Vizekanzler und Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier „erneut gescheitert“. Und das „ewige Stänkern und Meckern von Herrn Müntefering“ habe „sich nicht ausgezahlt“. Der SPD-Chef solle jetzt gefälligst die „gute Arbeit in der Koalition“ herausstellen.

Doch Pofallas Interesse daran kann in Wahrheit nur begrenzt sein. Er sieht sich bestätigt beim innigen Unions-Flirt mit der FDP: „Es gibt eine klare bürgerliche Mehrheit“, blickte er auf drei Wahlen zurück: Im Januar in Hessen, im Mai bei der Bestätigung des Bundespräsidenten und eben gestern bei der Europawahl. Pofalla konte sich kaum einkriegen: „Wir liegen heute um 17 Prozent vor der SPD. Die Union ist stärker als SPD und Grüne zusammen.“

Und genau dies trübte denn auch leicht die Stimmung bei den Grünen. Parteichef Cem Özdemir gab sich allerdings „sehr zufrieden“ - Rekordergebnis von vor fünf Jahren in etwa wieder geschafft. Und: „Gut“ sei, dass die Grünen den dritten Platz verteidigt hätten. Als leichter Stimmungskiller erwies sich - im ewigen grün-gelben Konkurrenzkampf - indes doch das unerwartet gute Ergebnis, das die FDP erzielte: tatsächlich zweistellig.

Der Jubel im Thomas-Dehler-Haus machte sich denn auch lauthals Luft. Parteichef Guido Westerwelle ließ die Gäste erst einmal eine gute Stunde feiern, bis er sich strahlend ans Mikrofon stellte: „Keine Partei hat so zugelegt wie wir.“ Er sah „die Mitte heute gestärkt“.

In Richtung CDU und CSU zeigte er dann auch gleich die neuen liberalen Muskeln. Die FDP habe „auffangen können, was die Unionsparteien verloren haben“: Verschiebung des Kräfteverhältnisses hin zu einer „sehr starken FDP“.

Die Linken hatten in die „Kulturbrauerei“ im Berliner Szenekiez Prenzlauer Berg eingeladen. Doch Anlass für ausgelassene Partylaune gab das Wahlergebnis eigentlich nicht her, auch wenn Vormann Gregor Gysi für prima Stimmung zu sorgen suchte: Er habe sich zwar „mehr erhofft“. Doch die Linke habe immerhin zugelegt und sich als „bundesdeutsche Kraft“ erwiesen.

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