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Bundestagswahl News

Twittern spaltet die Politiker

Karin Völker

Münster - „Komme gerade aus dem Mensa. Habe dort mit einem Team gegessen“. Diese Botschaft zwitscherte Ruprecht Polenz am vergangenen Dienstagmittag brandaktuell Uhr in die Welt. Der münsterische CDU-Politiker ist als fleißiger Wahlkämpfer bekannt und nutzt diesmal vor der Bundestagswahl auch den Infokanal Twitter, um seine Anhänger stets darüber auf dem Laufenden zu halten, was er so treibt.

Der Mensabesuch ist längst Schnee von vorvorgestern, bei Twitter überschlagen sich ja bekanntlich die Nachrichten, jedenfalls sollten sie das tun, finden PR-Berater der Münchener Agentur PR-COM, die den Bundestagswahlkampf im Internet analysiert haben und zu einem traurigen Ergebnis gekommen sind.

Die deutschen Politiker seien für guten Internet-Wahlkampf und auch das Twittern als dessen modernste Erscheinung nicht reif. Dem Vorbild Barack Obama, der es vor seiner Wahl auf stolze zwei Millionen „Follower“, also Verfolger brachte, die seine Nachrichten abonnierten, könne ohnehin niemand in der deutschen Politik auch nur annähernd das Wasser reichen.

Ruprecht Polenz, nach Worten seiner Wahlkampf-Managerin Monika Cimander-Appers „von den Möglichkeiten des Web fasziniert“, bringt es derzeit bei Twitter auf 81 Verfolger. Der Liberale Daniel Bahr, als Vertreter der jungen, Internet-affinen Generation, zählt immerhin 398 Personen, die seine Kurzbotschaften abrufen. „Twittern ist sein tägliches Brot“, erzählt FDP-Kreisgeschäftsführer Jörg Wischinkski von Bahrs Twitter-leidenschaft. Bei ihm erfuhren die „Follower“ etwa, dass er sich über Johannes B. Kerner ärgert, der sich über twitternde Politiker lustig macht.

Angesichts der möglichen inhaltlichen Tragweite der Mini-Nachrichten haben sich die münsterischen Konkurrenten um Bundestagsmandate das Twittern ganz verkniffen. „Ich glaube, dass 140-Zeichen-Botschaften nicht geeignet sind, um ernsthaft über Politik zu sprechen“, meint Christoph Strässer (SPD). Er nimmt sich lieber die Zeit „für ein persönliches Gespräch oder die Beantwortung einer E-Mail“. Mails erreichen ihn auch über die Internet-Foren Facebook und StudiVZ, 296 Unterstützer haben sich bei Facebook auf seiner Seite eingetragen, unter ihnen bekannte Sozialdemokraten aus Münster.

Die Unterstützer-Gemeinden rekrutieren sich auch bei den Mitbewerbern zu großen Teilen aus der Klientel der Aktiven im Umfeld der eigenen Partei. Ruprecht Polenz nennt ebenso wie die grüne Kandidatin Maria Klein-Schmeink nicht die Zahl der Facebook-freunde. Daniel Bahr, mit 32 Jahren Junior der münsterischen Bundestagskandidaten, ist auch bei Facebook mit 344 Unterstützern Spitzenreiter.

„Noch-nicht-Berufspolitikerin“ Maria Klein-Schmeink, sagt, sie habe „schlicht keine Zeit, sich intensiv um die Internet-Kommunikation zu kümmern. Und das Medium Twitter liege ihr einfach nicht, gibt sie freimütig zu: „Ich muss nicht zu jeder Gelegenheit etwas äußern“, sagt die 51-jährige, die auf ihrer Homepage wie die anderen Kandidaten auch mit allerlei Filmsequenzen aufwartet.

Der Linke Hubertus Zdebel findet sich in Sachen Internet selbst „konservativ“ und verzichtet sogar ganz auf bewegte Bilder in seinem Netz-Auftritt. Immerhin ist dort „über Hubi“ zu erfahren, dass „Die Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss seine Lieblingslektüre ist. Eine Vorliebe, die er - das Internet enthüllt auch dies - mit Sozialdemokrat Christoph Strässer teilt. Was Ruprecht Polenz gern liest, erfährt man auf seiner Homepage nicht, Daniel Bahr empfiehlt als Lektüre ein Kochbuch.

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