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Typisch Seehofer

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Einer wie er kann die Stimmung ganzer Säle mit einer Rede kippen: Grelle Pfiffe zur Begrüßung, stürmischer Beifall zum Abschied. Das hat Horst Seehofer insbesondere bewiesen, als sein politisches Lebensabschnittsthema um das Gesundheitssystem kreiste - ob Ärztekongresse gegen ihn murrten, ob Krankenkassenfunktionäre gegen ihn Front machten. Sein Rezept: Den Leuten jeweils das sagen, was sie hören wollen - bei größtmöglicher Unverbindlichkeit.

Populismus nennt man das. Und der gilt gemeinhin nicht als politische Tugend. Typisch für Seehofer ist, wie er solcherlei Kritik locker an sich abtropfen lässt. Dann sagt er eben, für ihn sei Populist kein Schimpfwort, sondern ein Kompliment. Wenn Seehofer seinen Satz beginnt mit den Worten „Ich habe schon immer den Standpunkt vertreten“, dann grinst alles: Wohl wahr, er hat immer schon alles vertreten. Alle schmunzeln: Das registriert er mit seiner hochempfindlichen Antenne durchaus. Aber er ändert sich nicht.

Sein großes Risiko dabei: Mit Populismus qualifiziert er sich nur für eins seiner beiden Ämter: Einem Parteichef lassen es die Bürger eher durchgehen, wenn er bei seiner Klientel-Werbung überzieht. Bei einem Ministerpräsidenten ist das anders: Erst Verfechter des Gesundheitsfonds, nach Übernahme des Jobs als Freistaatsregent aber massiv dagegen: Glaubwürdigkeit gewinnt er dadurch nicht. Auch nicht durch sein Trommeln für rasche Mehrwertsteuersenkung, da ihn die Hoteliers und Gastwirte bedrängen.

Er wusste von vornherein, dass er bei Merkel auf Granit beißen würde. Dass er jetzt klein beigibt, macht ihn südlich des Weißwurstäquators nicht populärer. Dass er die SPD zu seinem Rückzugs-Sündenbock machen will, wirkt zudem peinlich: Naiv ist das Volk nicht.

Schadenfreude bei der CDU über den Mann, der sich in Bayern selbst die Populismus-Fallen aufstellt, verbietet sich indes. Und dies nicht nur, weil Merkel auf ein gutes CSU-Abschneiden bei der Bundestagswahl anwiesen ist, will sie sich im Kanzleramt behaupten. Als weitreichender könnte sich erweisen, dass insbesondere der erste Mann der CSU den Unions-Teil der großen Koalition als zerstritten vorgeführt hat.

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