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Über 100 000 Kilometer

Felix Meininghaus

Münster. Auch an diesem Morgen ist Gottfried Schäfers gelaufen. Natürlich ist er das, schließlich ist Laufen sein Leben. Zehn Kilometer, die tägliche Strecke. Und doch waren es besondere Schritte auf seiner Lieblingsrunde um den Aasee und dann zur Sentruper Höhe. Schäfers hat gestern eine magische Marke erreicht: 100 000 Kilometer hat der Mann aus Altenberge joggend zurückgelegt. Es ist eine Strecke zweieinhalb Mal um den Äquator, sechs Mal zum Südpol, 17 Mal nach New York, 85 Mal nach Rom oder 256 Mal nach Berlin.

Schäfers hat jeden einzelnen dieser Kilometer dokumentiert – zum ersten Mal 1974, als die Laufkarriere des Mannes begann, der am 8. November seinen 70. Geburtstag begeht. In einem schwarzen Notizbuch mit roten Ecken, „das eigentlich als Gartenbuch gedacht war“, hat er aufgeschrieben, wohin ihn seine Füße getragen haben. Mittlerweile sind drei Bücher voll; unter anderem sind 172 Marathons in allen fünf Erdteilen schriftlich festgehalten. Angefangen hat es am 9. November 1974, einen Tag nach Schäfers 36. Geburtstag. Als Geschenk hatte es eine Stoppuhr gegeben, die ausprobiert werden musste. Zuvor hatte der bis dahin völlig Untrainierte auf dem Sportplatz auf der Sentruper Höhe schmerzhaft feststellen müssen, dass für ihn selbst die avisierten 1000 Meter ganz schön hart waren.

Der Erkenntnis, dass es so nicht weiter geht, folgte der Entschluss, etwas zu tun. 35 Kilometer waren es 1974, 830 im Jahr drauf. 1984 folgte der erste Marathon. Mittlerweile ist das Pensum auf über 4000 Kilometer im Jahr gewachsen.

Schäfers ist Marathon in Australien gelaufen, vier Mal New York, zwei Mal Chicago und viele mehr. Im thüringischen Sondershausen hat er die 42 Kilometer 700 Meter unter der Erde in einem Salzstollen zurückgelegt und verpasste eine bessere Zeit, weil er sich im Dämmerlicht des unübersichtlichen Gängesystems zwei Mal verlief. Den hundertsten Marathon absolvierte Schäfers in Münster, Nummer 200 soll 2011 ebenfalls in seiner Stadt folgen. Er hätte bestimmt kein Problem damit, wenn man ihn als Verrückten bezeichnen würde.

„Vielleicht ist es eine Art Sucht“, sagt er, „ich kann mir nicht mehr vorstellen, ohne Laufen zu leben.“

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