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Aus Frankreich berichtet unser Sportredakteur Alexander Heflik

Ullrichs Gipfelsturm und Absturz

wn

Andorra - In der Radsportwelt ist der Anstieg nach Andorra-Arcalis unauslöschlich mit Jan Ullrich verbunden. Es war im Juli 1997, als der damals 23-Jährige die Konkurrenz distanziert, das Gelbe Trikot übernahm und es bis Paris nicht mehr hergab. Die Experten sprachen von dem Beginn einer neuen Ära, einem vermeintlichen Seriensieger, der in den folgenden Jahren den Club der Rekordhalter sprengen würde. Jacques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault und Miguel Indurain hatten die Frankreich-Rundfahrt fünf Mal gewonnen. Ullrich, soviel stand fest, würde alle toppen.

Doch die Geschichte des neuen Superstar des deutschen Sports nimmt eine ganz andere Wendung, sportlich wie auch menschlich. Seine Rolle als Triumphator in Serie übernimmt Lance Armstrong, der sich von 1999 bis 2005 die Gesamtsiege sichert. Der gebürtige Rostocker taugt nur zum ewigen Zweiten. Am Anfang seiner Laufbahn als Berufsfahrer hat er das Beste bereits hinter sich.

Schlimmer noch: Zwar trägt Ullrich im Jahr 1998 noch einmal das Gelbe Trikot, doch es wird nicht mehr reichen. Was in Andorra-Arcalis so leuchtend und hell erschien, verdunkelt sich in, den Jahren, die Konturen verschwinden. Aus „Super-Ulle“ wird „Sorgen-Jan“. Nicht nur seine ungewöhnlichen Gewichtssprünge zwischen der Ruhephase im Winter sowie der Wettkampfzeit im Sommer verwirren. Ullrich driftet auch ab. Das Rennjahr 2002 verstreicht, weil der nun in Merdingen wohnende Ullrich sich bei Kraftübungen im Fitnessraum das Knie schwer verletzt hat.

Doch die Dinge sollen nie mehr so unbeschwert wie in Andorra-Arcalis 1997 werden. Das nur mehrmonatige Intermezzo beim chronisch klammen Team Bianchi mündet in einer Rückkehr zu Team Telekom. Das deutsche Topteam hatte Ullrich unter dem Eindruck der 2003er Tour wieder zurückgeholt, nachdem er 2002 nach der positiven Dopingkontrolle nicht mehr geduldet war.

Ullrich und T-Mobile Team ist eine Zwangsehe, nie richtig glücklich, anfangs stets mit der Hoffnung auf einen weiteren Tour-Sieg unterfüttert. Doch 2006 endet das Radsportleben des nun 33-Jährigen abrupt. Er soll Kunde des spanischen Doping-Hexenmeisters Eufemiano Fuentes gewesen sein, wenige Stunden vor dem Tourauftakt in Strassburg suspendiert der Rennstall seinen vermeintlichen Siegfahrer Jan Ullrich.

Sein Codename „Rudis Sohn“ verrät ihn offenbar, später werden 4,5 Liter von Ullrichs Blut im Madrider Labor von Fuentes gefunden. Man darf nicht sagen, Ullrich ist ein Dopingsünder, man kann sich lediglich einen privaten Reim auf die Dinge machen. Fuentes betrieb jedenfalls, und das bestätigte der geständige Dopingsünder Jörg Jaksche, eine florierende Blutbank. Athleten wurde das Blut in Madrid abgezapft in Madrid, dort gelagert, um es wenig später und rechtzeitig vor einem Wettkampf wieder zu infundieren, das steigerte die Anzahl der roten Blutkörperchen und vor allem die Leistung.

Seitdem, der Vertragsaufhebung vor drei Jahren, ist er Privatier, ab und an sieht man ihn als Hobbyfahrer bei Jedermannrennen starten, auch im Motorsport wurde Ullrich gesichtet. Mit dem Radsport hat er so gut nichts mehr zu tun.

Sein Nachfolger in Andorra-Arcalis lässt sich vor der heutigen Etappe von Barcelona hoch ins 2240 Meter hohe Skiressort in den Pyrenäen nicht wirklich im Vorfeld ermitteln. Viele rechnen auf den 224 Kilometern mit einer Attacke von Alberto Contador, den mit Ullrich verbindet, zumindest zeitweise auf der Fuentes-Liste gestanden zu haben.

Auch Lance Armstrong oder Levi Leipheimer oder gar der alte Ullrich-Spezi, Andreas Klöden, könnten ganz vorne landen. Alle vier sind beim umstrittenen Astana-Rennstall angestellt. Möglichst lange vorne mithalten wollen auch die beiden Deutschen Linus Gerdemann (Münster/Team Milram) und der momentan beste Nachwuchsfahrer, Tony Martin (Eschborn(Team Columiba-HTC).

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