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Ungeheuerliche Vorwürfe

Passaus Polizeichef ist zur Freude der rechtsextremen Szene ins Gerede geraten. Aber die Spekulationen, dass Alois Mannichl das Messer-Attentat vor seiner Haustür frei erfunden habe, sind mindestens so dürftig wie die bisherigen Fahndungserfolge...

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Passaus Polizeichef ist zur Freude der rechtsextremen Szene ins Gerede geraten. Aber die Spekulationen, dass Alois Mannichl das Messer-Attentat vor seiner Haustür frei erfunden habe, sind mindestens so dürftig wie die bisherigen Fahndungserfolge.

Sicher ist: Mannichl hat unmittelbar nach der Tat eindeutige Hinweise auf einen Täter aus der Neonazi-Szene gegeben. Der Messerstecher bezog sich darauf, dass der Polizeichef das Grab eines „Kameraden“ öffnen ließ, dem Gesinnungsgenossen eine Hakenkreuz-Fahne auf den Sarg gelegt hatten. Dieser Vorgang sorgte bei Rechtsextremen zwischen Mittenwald und Rostock für Empörung und Rache-Aufrufe.

Dass es keine Hinweise auf rechtsextreme Tatmotive gebe, ist also eine ausgesprochen waghalsige Behauptung. Sie beinhaltet auch den Vorwurf, dass ein Mensch gelogen habe, der für solchen Verdacht bisher nicht den geringsten Anlass gab.

Mindestens ebenso abenteuerlich ist die Theorie, dass der Täter längst gefasst wäre, käme er tatsächlich aus der von Polizei und Verfassungsschützern bestens überwachten Rechten. Wahr ist vielmehr, dass diese Rechte wohl auch unter dem Eindruck solcher Überwachung längst nicht mehr der homogene Haufen ist, den Verfassungsschutzberichte glauben machen.

Die jüngste, vom „Stern“-Magazin präsentierte Ungeheuerlichkeit stützt immerhin die Glaubwürdigkeit des Polizeichefs: Eine Zeugin, die am Tag der Tat ein bundesweit bekanntes Pärchen aus der Münchner Nationalisten-Szene beobachtete, muss um ihr Leben fürchten, weil die Polizei Verdächtigen ihre Identität schriftlich offenbarte. Die Frau bekam einen Droh-Besuch von einem Glatzkopf, der Mannichls Täter-Beschreibung sehr ähnelt.

Bisher sind die Parolen von der „Mannichl-Lüge“ nicht nur nicht belegt, sondern auch deshalb erschreckend, weil sie bis ins bürgerliche Lager hinein kritiklos nachgeplappert werden. Sollten sich die Verdächtigungen bewahrheiten, wäre der Schaden für das demokratisch-freiheitliche Gemeinwesen zwar tatsächlich gewaltig. Aber bisher fehlt jeder überzeugende Beleg für die ungeheuerlichen Vorwürfe, die in bezeichnender Weise nicht die Täter, sondern ihr Opfer treffen sollen.

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