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Aktion „Plandampf“

Ungestüme Ungetüme - Historische Loks wieder auf Schienen

wn

Münsterland - Normalerweise fährt Lokführer Michael Rieb ICE. Da hat er es klimatisiert, die Technik tut´s lautlos und fast von selbst. Heute steht er im Führerhaus einer historischen Lok, es ist heiß, laut, und Rieb hat alle Hände voll zu tun. Im Ofen gibt es alle paar Minuten eine kleine Explosion, wenn sein Kollege Kohlen nachlegt. Dass Rieb kleine Schweißperlen auf der Stirn hat und eine Spur Ruß, liegt nicht am spätsommerlichen Wetter drau­ßen, sondern an jenen 2000 Grad Celsius im Ofen vor ihm.

„Seit 20 Jahren, als Hobby an den Wochenenden“, sagt er, fährt er nun schon Loks wie die Preußische P 8 aus dem Jahr 1916. Nur eine Handvoll Kollegen der Deutschen Bahn beherrscht das noch - vielleicht der Grund, warum gerade Rieb an diesem Wochenende im Einsatz ist. Den Anlass der Aktion „Plandampf“ umreißt Katja Lam­mers vom Zweckverband Schienenpersonennahverkehr Münsterland (ZVM) so: „Im November wird die Strecke Gronau-Enschede zehn Jahre alt, dazu wollten wir und die DB Regio NRW den Reisenden etwas bieten.“

Und die fuhren im wahrsten Wortsinn drauf ab. Bereits gegen 11 Uhr am Samstag, kurz vor Aufbruch der ersten Loks gen Enschede und Coesfeld, hatten sich am Hauptbahnhof Münster Neu­gierige versammelt. Ausgerüstet mit Kameras, hielten Eltern und Großeltern mit Kindern und Enkeln ungeduldig Ausschau nach der Rußwolke.

Auch Stefan Hennigfeld vom Eisenbahnjournal Zughalt.de war darunter. Obwohl er, wie er verriet, ei­gentlich lieber moderne Züge fahre, könne er sich dem Charme der historischen Ungetüme einfach nicht ent­ziehen. „Das dampft, macht Krach, man kann die Stangen und Räder sehen - und dann riecht es noch nach Steinkohle“, beschrieb auch ZVM-Geschäftsführer Micha­el Geuck­ler die Faszination, die etwa die Dampflok der Baureihe 41 aus dem Jahre 1941 mit ihren historischen Wagen ganz offensichtlich auf die Leute ausübte. „Proppenvolle Züge“, seien das Resultat: Viele Reisende hätten bereits im Vorfeld Sondertickets gekauft oder einfach ihre regulären Fahrscheine benutzt.

Mit 2000 PS und 90 Kilometern pro Stunde dampfte Michael Rieb fast pünktlich in Richtung Gronau ab. Jeden Tag eine Dampflok zu fahren, wäre jedoch nichts für ihn. „Das ist Knochenarbeit“, stellt er klar. Leicht verspätet hingegen kamen die ersten Züge am Coesfelder Bahnhof an: eine V-100-Diesellok und die BR 78 anno 1923.

Umso größer war die Begeisterung der Leute: Kenner fachsimpelten, ganze Familien bewunderten die Schmuckstücke ausgiebig. Die Loks fuhren dann aber erst mal zum „Wassernehmen“ ein Stück aus dem Bahnhof heraus, wo die Feu­erwehr bereitstand und bei der BR 78  zwölf Kubikmeter Wasser auffüllte. Dass das 88 Jahre alte Schätzchen ebenso wie die alten Schienenbusse noch zuverlässig fährt, liegt an der Pflege durch Eisenbahnfreunde allerorten - etwa jener im Eisenbahnmuseum Bochum-Dahlheim. Dort ist die Preußische P 8 stationiert.

Entlang der Strecke, an den Bahnhöfen Billerbeck, Metelen, Och­trup und Enschede, gab es als Abrundung des Wochenendes Ausstellungen und historische Führungen.

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