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Volksabstimmung im Sudan

Ungewisse Zukunft

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Auf dem Stimmzettel stehen nur Symbole für Ja oder Nein, weil die meisten Wähler nicht lesen können. Es gibt keinen Namen für den möglichen neuen Staat, geschweige denn eine Vereinbarung über den Grenzverlauf. Wenn die Südsudanesen für die Unabhängigkeit stimmen - woran wenig Zweifel besteht - lassen sie sich auf eine ungewisse Zukunft ein. Denn ihr rohstoffreiches Land wird eines der ärmsten der Welt bleiben. Das Problem heißt Korruption. Die Euphorie, die im Moment herrscht, ist nach dem langen und blutigen Bürgerkrieg mit mehr als zwei Millionen Toten verständlich - doch sie wird nach dem 9. Juli, wenn die Trennung der Landesteile vollzogen sein muss, schnell der Ernüchterung weichen.

Der derzeitige sudanesische Präsident Omar Al-Baschir hatte kurz vor dem Urnengang noch einmal an die Wähler appelliert, die Einheit des Landes zu erhalten. Natürlich ist ihm daran gelegen. Denn ohne das Geld aus den Ölfeldern lassen sich sein auf 90 Ministerämter aufgeblähter Regierungsapparat oder das Militär, das 75 Prozent des Landeshaushalts schluckt, nicht mehr finanzieren. Die Macht al-Baschirs, der international wegen der Verbrechen gegen Zivilisten im Darfur-Konflikt in der Kritik steht, könnte dann schnell ins Wanken geraten.

Der Norden und der Süden werden sich in den nächsten Monaten über heikle zentrale Fragen einigen müssen. So kann der Süden sein Öl nur durch eine Pipeline exportieren, die gen Norden führt. Völlig offen ist auch noch die Frage der Staatsbürgerschaft. Hunderttausende von Südsudanesen leben und arbeiten im Norden. Welchen Status bekommen sie?

Die internationale Gemeinschaft steht vor einem komplexen Problem. Zum einen liegt es nahe, den christlich geprägten Südsudan im Aufbau und seinem unvermeidlichen Kampf gegen Hunger und Korruption zu unterstützen. Zum anderen darf der muslimische Norden nicht vernachlässigt werden, will man nicht dem Terrornetzwerk El Kaida einen neuen Verbündeten in die Arme treiben. Fingerspitzengefühl ist gefragt. Doch vermutlich wird wirtschaftlich orientierter Neokolonialismus die Oberhand gewinnen.

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