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Staatsanwalt: „Massiver Angriff auf Leib und Leben“

Urteil im Beil-Prozess: Angeklagter muss fünfeinhalb Jahre ins Gefängnis

wn

Münster - Für die Beilattacke auf seine Ex-Freundin am 12. März dieses Jahres muss der 45-jährige Emmanuel B. aus Münster-Coerde für fünf Jahre und sechs Monate ins Gefängnis. So lautete das Urteil vor dem Landgericht Münster. Der Vorsitzende Richter Michael Skawran sah es als erwiesen an, dass B. am Tatmorgen im Keller der münsterschen Raphaelsklinik mit einem Beil auf sein 29-jähriges Opfer eingeschlagen hatte. Das Gericht verurteilte den Mann wegen gefährlicher Körperverletzung, eine Tötungsabsicht sah die Kammer nicht gegeben – „wegen der geringen Tiefe der Verletzungen“, wie Skawran gestern ausführte. Zweimal habe der Angeklagte in Liberia seine Familie verloren, dieses tragische Schicksal müsse als Hintergrund der Tat mit einbezogen werden. Als „massiven Angriff auf Leib und Leben des Opfers“ hatte Staatsanwalt Stefan Lechtape zuvor die Tat bezeichnet und siebeneinhalb Jahre Haft gefordert. Hintergrund für den Übergriff, der sich im Keller der münsterschen Raphaelsklinik abgespielt hatte, war ein Streit über das Umgangsrecht für den gemeinsamen Sohn des zerstrittenen Paares gewesen. Aus heutiger Sicht, so sagte Lechtape in seinem Plädoyer, wäre es sinnvoll gewesen, das Jugendamt zur Klärung einzuschalten. So aber sei der Streit am Tattag eskaliert. „Der erste Schlag traf das Opfer, als es sich bückte – der zweite, als es bereits am Boden lag und der Täter in Richtung Kopf und Nacken zielte“, zeichnete der Ankläger die Tat noch einmal nach. Allein, dass sich die 29-Jährige geistesgegenwärtig wegduckte und mit Händen und Füßen wehrte, habe ihr das Leben gerettet. Zeugen erkannten, dass sich die Frau „in akuter Lebensgefahr befand“, habe Emmanuel B. doch mehrfach „I want to kill you“ gerufen. Der erste Schlag traf das Opfer, als es sich bückte – der zweite, als es bereits am Boden lag. Daraufhin umklammerte der Vorgesetzte des 45-Jährigen den Mann von hinten. Eine weitere Zeugin brachte das Opfer in einem Pausenraum in Sicherheit. Die 29-Jährige trug mehrere mindertiefe Wunden davon, von denen eine genäht werden musste. Motiv, so Lechtape, sei gewesen, dass B. enttäuscht und frustriert darüber war, den gemeinsamen Sohn so wenig sehen zu dürfen – und von seiner Ex-Freundin auch noch verhöhnt worden war. Unter anderem hätte die Frau ihm gesagt, der gemeinsame Sohn sei gar nicht von ihm. Wenn er Nachwuchs wolle, solle er „seine toten Kinder in Liberia wieder ausgraben“. Emmanuel B. war eigenen Angaben zufolge in zerrütteten Verhältnissen in Liberia aufgewachsen, wo seine damalige Ehefrau und drei seiner Kinder auf einem sinkenden Flüchtlingsboot ums Leben kamen. Für einen bedingten Tötungsvorsatz sprächen, so der Ankläger, das ein Kilo schwere Beil und die beiden Messer, die B. am Tattag dabei gehabt habe. Darüber hinaus gehe die Anklage von versuchtem heimtückischen Mord in Tateinheit mit zweifacher Körperverletzung aus. Laut Gutachterin ist der Angeklagte voll schuldfähig. Die 2,4 Promille, die er während der Tat im Blut hatte, hätten das nicht beeinträchtigt – da er das Trinken großer Mengen Alkohols seit Jahren gewohnt war. Lechtape forderte deshalb eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren und sechs Monaten Haft für den Angeklagten, der vor der Tat nicht vorbestraft war. Der Mann habe vor Gericht keinerlei Reue gezeigt und sich nicht bei seinem Opfer entschuldigt. B. sei lediglich vor Selbstmitleid zerflossen und mehrfach in Tränen ausgebrochen, „was so nicht nachvollziehbar war“, so der Staatsanwalt. Die Anwältin des Opfers als Nebenklägerin schloss sich dieser Einschätzung an. Er weint nicht um seinetwillen, sondern wegen des Opfers und wegen seines Sohnes Die Verteidigerin des Angeklagten monierte gestern, dass B.´s Verhalten – seine Tränen im Gerichtssaal etwa – nur zu seinem Nachteil ausgelegt würden. „Mein Mandant hat hier sehr wohl Reue gezeigt, er weint nicht um seinetwillen, sondern wegen des Opfers und wegen seines Sohnes,“ sagte die Anwältin in ihrem Plädoyer. Heimtücke und Tötungsvorsatz schließe sie aus. Vielmehr spreche die Tatsache, dass B. bereits eine Familie in Liberia verloren habe, dafür, dass er schwer traumatisiert sei – und auch in Bezug auf seinen fünfjährigen Sohn stark unter Druck stand. Zudem habe der Alkohol seine Hemmschwelle herabgesetzt. Die Tat habe er daher in einem Zustand affektiver Erregung begangen und sich der gefährlichen Körperverletzung strafbar gemacht. Doch schwebte das Opfer zu keiner Zeit in Lebensgefahr: „Wenn er die Frau richtig hätte treffen wollen, dann hätte er auch getroffen.“ Unterm Strich plädierte die Verteidigung auf Körperverletzung in minderschwerem Fall und sprach sich für eine Haftstrafe von unter drei Jahren aus. Der Angeklagte selbst war erneut sehr aufgewühlt und lamentierte lautstark. Unter Tränen sagte er abschließend, dass er niemals jemanden habe töten wollen und dass er sich bei seiner Ex-Freundin entschuldige. Er wisse nicht, was am Tatmorgen über ihn gekommen sei. „Ich wollte immer nur für meinen Sohn da sein dürfen.“

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