1. www.wn.de
  2. >
  3. Archiv
  4. >
  5. Verdruss in der Hausarztpraxis

  6. >

Politik Inland

Verdruss in der Hausarztpraxis

Steinfurt - Dr. Friedrich Wilhelm Spelsberg hat schon mal durchgerechnet: Pro Patient und pro Quartal wird er demnächst einen Euro weniger verdienen. Das klingt überschaubar, ist für den Hausarzt aus Steinfurt-Burgsteinfurt aber trotzdem ärgerlich...

Stefan Werding

Steinfurt - Dr. Friedrich Wilhelm Spelsberg hat schon mal durchgerechnet: Pro Patient und pro Quartal wird er demnächst einen Euro weniger verdienen. Das klingt überschaubar, ist für den Hausarzt aus Steinfurt-Burgsteinfurt aber trotzdem ärgerlich. „Ich war ja auch gespannt, was bei der Honorarreform herauskommt“, sagt der Arzt. Als er dann gesehen habe, dass der normale Regelsatz bei 32,43Euro liegt, hatte er nur gedacht: „Oh, das ist ja wenig.“ So wie er sehen das die meisten Ärzte in Westfalen-Lippe. Deswegen lassen viele - wie viele, kann keiner genau sagen - ihre Praxis heute zu. „Man müsste uns ja für dumm halten, wenn wir uns damit zufriedengeben würden“, sagt Dr. Spelsberg.

Mit „damit“ sind die 32,43 Euro gemeint, die die Ärzte in Westfalen-Lippe demnächst pro Patienten pro Quartal bekommen sollen. Im Vergleich zu den 85 Euro, die die Ärzte in Bayern und Baden-Württemberg für die gleiche Arbeit erhalten, klingt das tatsächlich nach wenig. In Wirklichkeit ist die Lücke nicht ganz so groß, wie es auf den ersten Blick scheint. Die Hausärzte können neben der Pauschale noch zusätzlich Geld verdienen, wenn sie einen Hausarztvertrag unterschreiben und wenn sie vorbeugende Behandlungen durchführen, also etwa Hautkrebs-Screening, Impfungen oder Jugenduntersuchungen durchführen.

In Westfalen-Lippe gibt es 4800 Praxen. Abgerechnet wird demnächst in allen Praxen gleich, egal, ob sie überdurchschnittlich viele alte und chronisch kranke Patienten betreuen oder ob ihre Patienten nur ab und zu hereingeschneit kommen, um sich ein Rezept abzuholen. Der typische Hausarzt betreut 980 Patienten und erwirtschaftet 47000 Euro pro Quartal. Das weiß Andreas Daniel, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Westfalen-Lippe. Bei 50 Prozent Kosten für die Praxis, von denen die KV ausgeht, bleiben für den Mediziner im Schnitt pro Monat 8000 Euro vor Steuer und vor Altersversorgung. In Spelsbergs Praxis arbeiten zwei Arzthelferinnen. Der Burgsteinfurter betreut 850 Patienten, von denen eine Hälfte aus chronisch kranken Patienten oder Rentnern besteht.

Heute schließen die Haus- und viele Fachärzte die Praxen, um ihren Verdruss auszudrücken. „Ich unterstütze das“, sagt Spelsberg, auch wenn seine Praxis morgen die einzige in der Stadt Steinfurt ist, die geöffnet bleibt. Der Arzt hält die Stellung, wie er sagt, damit die anderen in Münster streiken können.

Spelsberg geht es dabei weniger um Geld, als vielmehr um „verlorenes Vertrauen in seine Standesvertretung“, also die Ärztekammer Westfalen-Lippe. „Wir qualifizieren uns seit Jahren über und über, aber das wirkt sich nicht auf unser Honorar aus“, klagt er. So kehrt er dem Streit ums Honorar den Rücken. „Wenn ich feststelle, dass ein Hausbesuch notwendig ist, dann erbringe ich den, auch wenn ich nicht einen Euro dafür bekomme. Ich will, dass meine Patienten gut behandelt werden. Für mich ist es eine Pflicht, meine Arbeit gut zu tun. Das hat mit Honorar nichts zu tun.“

Startseite