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Viele Chinesen sind stolz auf ihren Nobelpreisträger

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Peking - Seit der Vergabe des Friedensnobelpreises an Liu Xiaobo gibt die Regierung in Peking vor, kaum jemand in China kenne den inhaftierten Bürgerrechtler - und mit seiner „Charta 08“ wolle auch niemand etwas zu tun haben. Weit gefehlt, zumindest im 1700 Kilometer entfernt gelegenen Guiyang. Auf dem Volksplatz der Provinzhauptstadt von Guizhou in Südchina wird die vor zwei Jahren veröffentlichte „Charta 08“ für Demokratie und Menschenrechte schon länger an den Wochenenden diskutiert. Jeden Samstag und Sonntag kommen hier Dutzende Interessierte zu einem Debattiersalon zusammen. „Die Leute auf dem Platz wissen in der Regel Bescheid“, berichtete der Aktivist Wang Zhang der Nachrichtenagentur dpa. Bis zu 100 Leute kommen nach seinen Angaben jeweils zusammen. „Seit der Vergabe des Friedensnobelpreises ist auf dem Platz mehr los als je zuvor. Immer mehr Leute kommen“, berichtete Wang Zhang. Viele wissen aus dem Internet von Liu Xiaobo. Es gibt erläuterndes Material über den 54-jährigen Preisträger und die „Charta 08“ oder Hintergrund über den Friedensnobelpreis - auch für jene, die noch nichts wissen. „Viele sind begeistert, wenn sie davon hören“, sagte Wang Zhang. Die „Charta 08“ begann mit 303 Intellektuellen, Anwälten und Bürgerrechtlern, die zu ihrer Veröffentlichung im Dezember 2008 ihre Unterschrift unter das Dokument setzten. Seither haben viele Tausend den Appell unterzeichnet, der sich wie der Entwurf einer Verfassung für ein freiheitliches China liest. Trotz Zensur verbreitet er sich im Internet. An vielen Orten in China riskieren Aktivisten Haftstrafen, weil sie das Manifest weiterreichen. Einige drucken und verteilen Flugblätter mit einzelnen Forderungen wie etwa nach Meinungs- und Pressefreiheit. Zwei Aktivisten druckten sogar T-Shirts, um auf der Straße für die „Charta 08“ zu werben. Einer der beiden wurde dafür ohne Prozess ein Jahr ins Umerziehungslager gesteckt. Weniger öffentlich als auf dem Volksplatz in Guiyang gibt es auch an anderen Orten in China wie in Peking oder Chengdu solche Gesprächsrunden, die sich mit politischen Fragen und dem Friedensnobelpreisträger beschäftigen. Im Mittelpunkt des wöchentlichen Diskussionsclubs in Guiyang steht der 72-jährige Mei Chongbiao. Er genießt hier Respekt, weil sein Vater ein bekannter Held im Kampf gegen die Japaner war. Seit Jahren schon informiert er auf dem Volksplatz über Rechtsfragen oder Vorgänge in China und dem Rest der Welt. Es gibt zahlreiche Fotokopien mit Informationen, die Teilnehmer dankbar mitnehmen. Auf einem Deckblatt lächelt sogar Nobelpreisträger Liu Xiaobo freundlich von einem Foto. Der Aktivist Wang Zhang und seine Mitstreiter halten sich lieber im Hintergrund. Sie wollen nicht zu sehr die Aufmerksamkeit der Staatssicherheit auf die Runden ziehen. Die Polizei beobachtet die Treffen, löste sie bisher aber nicht auf. „Die Leute auf dem Platz sind sehr mutig“, berichtete Wang Zhang. „Als die Staatssicherheitsleute zuletzt mich und einige andere Menschenrechtler mitnehmen wollten, haben sich die Leute eng zusammengeschlossen und uns umringt, um die Polizisten fernzuhalten.“ Schon seit Jahren kommen die Menschen hier zusammen - zum Teil auch weil sie verschiedenste Ungerechtigkeiten erfahren hätten. „Wir lesen oder verteilen nur Schriften auf dem Platz, informieren uns über die demokratische Welt - und dann wollen sie uns abholen“, empört sich Wang Zhang über die Polizisten. „Das ist unerträglich.“ Der Friedensnobelpreis hat die demokratischen Kräfte in China ermutigt. Sie haben das Gefühl, dass die Welt sie nicht vergessen hat. Doch die Staatssicherheit geht seither verstärkt gegen Bürgerrechtler vor. Viele stehen unter Hausarrest, wurden verhört, verwarnt, geschlagen oder zu einem „Gespräch beim Tee“ eingeladen, wie die informellen Einschüchterungen genannt werden. „Unzählige Menschenrechtsaktivisten im ganzen Land sind belästigt, einbestellt, verhört oder festgenommen worden“, berichtete die in den USA ansässige Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch. Die Polizei kam am Dienstag auch zu Wang Zhang. Ein Reporter des US-Senders Radio Free Asia (RFA) erwischte ihn noch am Mobiltelefon. „Ich stecke jetzt im Badezimmer“, sagte der Aktivist. „Es sind sechs oder sieben Polizisten - sie werden mich aus der Stadt bringen.“ Der Grund sei die Zeremonie für den Friedensnobelpreis in Oslo und der Jahrestag der UN-Menschenrechtserklärung am Freitag, den sie begehen wollten. „Die Verfolgung ist in diesem Jahr besonders schlimm“, konnte Wang Zhang nur noch sagen, bevor ihn die Polizei mitnahm.

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