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Filmrezensionen

Von der Fahne gerettet

Hans Gerhold

In Deutschland nahezu unbekannt und erst Mitte der 90er Jahre durch seine Tagebuchaufzeichungen entdeckt, wird Siemens-Manager John Rabe (1882-1950) in China verehrt und von amerikanischen Medien der „Oskar Schindler von China“ genannt.

Der Spielfilm „John Rabe“ setzt ihm ein recht eindrucksvolles Denkmal. Zum Glück hat Regisseur Florian Gallenberger Ulrich Tukur als Hauptdarsteller zur Verfügung, der dem eher brav erzählten Film zur packenden Charakterstudie eines widersprüchlichen Mannes verhilft.

Der Hamburger Kaufmann John Rabe, seit 1911 als Siemens-Repräsentant in der chinesischen Hauptstadt Nanking tätig, rettete 1937 rund 250000 Menschen vor den sicheren Tod, als es ihm mit einer Gruppe von Ausländern gelang, die Zivilbevölkerung durch die Einrichtung einer unabhängigen Schutzzone vor den einrückenden japanischen Truppen zu retten.

Vor diesem Hintergrund entrollt Gallenberger ein durch Dokumentaraufnahmen und von Tukur gelesene Tagebuchaufzeichnungen gegliedertes Panorama der Ereignisse.

Eine der zentralen Szenen des Films, die die Ambivalenz Rabes und der Geschichte symbolträchtig vermittelt, ist die Bombardierung der Siemens-Hallen, bei der Rabe seine Arbeiter unter eine riesige Hakenkreuzfahne treibt. Die Ikone des Bösen schlechthin wird auf absurde Weise lebensrettend.

Rabe ist in Tukurs Verkörperung ein disziplinierter, wohl organisierter Geschäftsmann mit einiger Selbstironie, ein Biedermann als Lebemann, unfreiwilliger Held und faszinierend in seinen Reibungsflächen. Vor allem die Szenen mit dem amerikanischen Arzt (Steve Buscemi), für den Rabe stets der Nazi ist, sind sehr reizvoll.

Auf der historischen Ebene geht „John Rabe“ zwangsläufig, wenn auch widerstrebend, auf das Massaker von Nanking ein, dem 200000 Chinesen zum Opfer fielen.

Da fehlt die Kraft vergleichbarer Filme, etwa Steven Spielbergs Meisterwerk „Schindlers Liste“, dem Gallenberger im Motto („Wer ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt“) und in der Erzählstruktur, von der Führung durch die Fabrik bis zur Konfrontation mit japanischen Militärs, nacheifert. Trotz visueller Opulenz inszenatorisch ein aufwendiger Fernsehfilm.

Melodramatische Elemente wie die Romanze zwischen dem jüdischen Diplomaten Rosen (Daniel Brühl) und der Chinesin Langshu (Zhang Jinchu) und der scheinbare Tod von Rabes Frau (Dagmar Manzel) strecken den Film eher, als dass sie ihn vorantreiben.

Ergiebiger ist Langshus Rolle als Fotografin, die die Ereignisse dokumentiert. Das Verdienst des Films liegt darin, Rabe und seine Geschichte auf seine Weise gerettet zu haben.

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