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60 Jahre WN

Von einem Hasen, der auszog, die Welt kennenzulernen

Stefan Werding

Münster - Lausi macht seinem Namen alle Ehre: Die Ohren angenäht, das Fell braun-grau, der Nacken so schlaff, dass der Kopf ständig müde zur Seite fällt, wenn ihn keiner stützt. Lausi ist in die Jahre gekommen. Ein altes Kuscheltier, das schon lange nicht mehr mit ins Bett seiner besten Freundin darf, aber dafür einen Ehrenplatz in einem Regal hat. Denn Annette Langen hat Lausi viel zu verdanken: Lausi ist das Vorbild für den Hasen Felix, der mit seinen Briefen an Sophie weltberühmt geworden ist.

Der Steiff-Hase mit der schwarz-weißen Latzhose war für das Mädchen aus Leichlingen bei Leverkusen das, was für Sophie der Hase Felix ist. „Lausi ist Teil meiner Geschichte“, sagt Annette Langen. Ein bisschen ist er der kuschelige Dauertourist, der weltoffen und neugierig ist, aber trotz seiner Abenteuer treu nach Hause zurückkehrt.

Der Hase Felix hat seine Erfinderin zu einer der erfolgreichsten Kinderbuchautorinnen weltweit gemacht. Die Felixbücher sind bis heute sieben Millionen Mal verkauft worden. In Finnland reist ein 1,60 Meter großer Felixaufkleber auf der Waggons der Staatsbahn mit, in Korea empfiehlt das Schulministerium die Bücher, in Japan das Kaiserhaus. Die „Briefe von Felix“ wurden mittlerweile in 25 Sprachen übersetzt, 1995 wurden die Titel als „pädagogisch wertvolles Bilderbuch“ ausgezeichnet, weil es einen wichtigen Beitrag zur Völkerverständigung und zur internationalen Solidarität leisten könne.

Die Innigkeit zwischen Felix und Sophie wirkt der Gewalt- und Beziehungslosigkeit entgegen.

Für Annette Langen ist das ein Beweis, dass sie ein für sie schon wichtiges Ziel erreicht hat: „Neugier auf die Welt und die Menschen, die darin leben, zu wecken“, wie sie es sagt. „Felix“ ist mittlerweile so etwas wie ein moderner Klassiker. Eine Lehrerin hat der Autorin einmal eine große Freude gemacht, als sie sagte, dass die „Innigkeit zwischen Felix und Sophie Gewalt und Beziehungslosigkeit entgegenwirkt“. Mittlerweile hat es der Hase zu einem Botschafter für Kinder gebracht. Auf der Buchmesse in Jerusalem diente er dazu, Kontakt zwischen palästinensischen und israelischen Kindern herzustellen.

Der Anfang dieser Erfolgsgeschichte liegt in einer Sendenhorster Bauerschaft. Dort ist Felix im Sommer 1993 zur Welt gekommen. Damals hat die junge, erst 26-jährige Lektorin des Coppenrath Verlags dort gelebt und die Geschichten zu Papier gebracht, zu denen sie Lausi angeregt hat – verbunden mit ihrer Lust, Briefe zu schreiben. Die wollte sie schon länger zu einem Buch machen. Und so begann sie, die Geschichte von dem Hasen aufzuschreiben, der auf dem Flughafen verloren geht und dann aus allen Teilen der Welt Briefe schreibt. Briefe an Sophie an der Martinistraße 19 in Münster.

„Die besten Bücher sind die, die man für sich selber schreibt“, sagt Annette Langen. Wenn sie das Manuskript heute so an einen Verlag geben würde, „würde es in Zeiten der ,zielgruppengerecht definierten Bücher’ abgeschmettert“, glaubt sie. Schließlich schildert sie in ihrem Bilderbuch Städte und Länder, die Vorschulkinder nur schwer oder noch nicht auseinander halten können. Aber sie nehmen dabei mit allen Sinnen viel auf.“

Der Hase Felix lässt sich auch von rechts nach links lesen – wie in dieser Ausgabe für israelische Kinder.

Ihre ersten beiden Bücher habe sie noch unbeschwert geschrieben, aus Spaß an der Freude. Die Autorin und ehemalige Lektorin, die als Kind mit der Familie reiste und als Jugendliche Brieffreunde in Montreal, Barcelona und Paris hatte und dort später auch besuchte, findet die frühesten Bände „von der Leichtigkeit her am gelungensten“. Wenn sich bei der Recherche für ein neues Buch aber schon zwei oder drei Aktenordner mit Material angesammelt haben, gehe die Leichtigkeit leichter verloren. „Irgendwie habe ich mir die Messlatte von Buch zu Buch immer höher gelegt.“

Trotzdem lässt sich Annette Langen von einem Grundsatz nicht abbringen: „Wer ein Buch schreibt, muss etwas mitteilen wollen“. Das ist neben der Neugierde auf die Welt die Liebe zur Natur: Ihre beiden Kinder klettern auf Bäume, waten barfuß durch den Bach, und der Bauernhof ist nebenan. „Das ist ein großes Glück“, sagt sie. „Und dank moderner Technik kann ich mir meinen Arbeitsplatz aussuchen“, so dass sie nach vielen Jahren Münster verlassen hat.

Heute verbindet sie mit Münster in erster Linie der Coppenrath Verlag, der sein Domizil bei der Veröffentlichung des ersten Buchs noch an der Martinistraße hatte und wohin der Hase Felix immer schreibt. Weil es die Hausnummer in Wirklichkeit nicht gibt, schaltete die Post schnell und begann, die Briefe, die plötzlich nicht nur vom Hasen Felix, sondern von vielen Kindern an der Martinistraße landeten, an den Verlag weiterzuschicken. Heute landen im Monat bis zu 400 Briefe – ob als Mail oder von Hand geschrieben – beim Verlag.

Das hat Annette Langen nicht daran gehindert, das Münsterland wieder zu verlassen. Sie genießt es, wieder in ihrer Heimatstadt zu leben, in der sie auf dem Weg zur Schule jeden Tag über die Wupper ging, wo die Häuser schwarzen Schiefer an den Wänden und grüne Fensterläden haben und wo sie die fröhlichen Rheinländer mit ihrer Aufgeschlossenheit und ihrem Humor viel mehr an den weltoffenen Felix erinnern als die Münsterländer. Für sie bedeutet das mehr Lebensqualität.

Die meisten meiner Bücher habe ich noch gar nicht geschrieben.

Während ihre Kinder Benja (8) und Isabel (10) zur Schule gehen, arbeitet sie an ihren Büchern. Annette Langen sitzt mit roten Wangen in ihrem Büro, dessen Regale voller Bücher stehen. Ihrer Bücher. In Englisch oder Koreanisch, Hebräisch oder Japanisch. Ein Felixbleistift hält ihr Haar auf dem Kopf fest. Die Doppelhaushälfte, in der sie mit ihren Kindern lebt, ist von Rosen bewachsen, das Gezwitscher der Vögel dringt nur mühsam in ihr Arbeitszimmer. Schreiben ist das Ergebnis stetigen Arbeitens, meint sie. Über ihrem Computer hängt ein Plakat: „Überwinde den Schweinehund, solange er noch ganz klein ist“. Die Ermunterung fruchtet. Wenn es nach ihr geht, ist mit den bislang sieben erschienenen Büchern mit „Briefen von Felix“ noch lange nicht Schluss: Im Juli erscheint „Der große Felix Weltatlas“. Und „die meisten meiner Bücher habe ich noch gar nicht geschrieben“.

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