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Vor dem Gesetz sind alle gleich - Ermittlungen wegen Missbrauchs

Elmar Ries

Münster - Auf dem Tisch vor Hans-Jochen Wagner liegt das Strafgesetzbuch, der Einband wirkt in diesem Moment gefährlich rot. Daneben ein Blatt Papier, auf dem der Leitende Oberstaatsanwalt einen Missbrauchsfall skizziert hat. Anhand dieses fiktiven Beispiels wird er später erläutern, wie schwierig es für den Profi zu beurteilen ist, was doch für den Laien so einfach scheint: Wann die Fälle im Sinne des Strafrechts verjährt sind.

Sexueller Missbrauch: Nach Jahren quälenden Schweigens wird das Ausmaß der unsäglichen Verbrechen immer mehr bekannt. Priester, Ordensleute, Männer der Kirche, Lehrer, Erzieher, dutzendfach haben sie sich an Kindern und Schutzbefohlenen vergangen. Im Internat, im Ferienlager, in der Alltäglichkeit gemeindlichen Lebens. Landauf, landab ist das passiert, auch im Bistum Münster.

Dessen Leitung reagierte von Anfang an offensiv, offensiver zumindest als andere. Und doch: Auch wenn die ei­gene Missbrauchs-Kommissi­on konsequent und in der Sache hart gegen die Täter vorgeht, vagabundiert auch durch das münsterische Bistum so et­was wie ein Vertuschungs-Generalverdacht. Es gibt eben zu viele Beispiele dafür, dass sich Mutter Kirche zu lange mehr um die schwarzen Schafe in den eigenen Reihen sorgte, denn um die Opfer.

Nun ist also auch die Staatsanwaltschaft am Zuge. Ende März einigten sich Bistum und Behörde auf die Kooperation. „Das macht einfach Sinn“, sagt Wagner. „Schließlich sind wir unabhängige Juristen.“ Darum auch das Strafgesetzbuch, es liegt an diesem Tag nicht zur Zierde da.

Vielmehr soll es deutlich machen: Wagner sieht die Aufgabe seiner Behörde nicht darin, der Kirche bei einer Art Vorwärtsverteidigung wider den Vertuschungsvorwurf zu assistieren. Den Staatsanwälten geht es allein darum, dem Recht zu seinem Recht zu helfen. Und das bedeutet herauszufinden, ob die Verdächtigen Täter sind und wenn ja, ob sie für ihre Taten noch belangt werden können.

Bislang, so sagt der Chef, habe ihm die Kommission fünf Fälle übergeben. „Ich bin aber ziemlich sicher, dass da noch einiges kommt.“Die Staatsanwaltschaft ist Anklagebehörde. Das bedeutet: Opfer werden gehört, Beschuldigte vernommen. Einige jener seien sofort geständig, andere hingegen stritten ab, die nächsten suchten Ausflüchte, Erklärungen, mitunter auch peinliche Entschuldigungen. „Da sind sie nicht anders als andere Verdächtige auch“, sagt Wagner.

Die Täter zu belangen, ist schwierig, zu lange liegen die Vorfälle schon zurück. In einigen Fällen wird es unmöglich sein, unabhängig selbst von einem Geständnis. „Sie sind einfach verjährt, in dem Fall dürfen wir gar nicht mehr aktiv werden.“

Vor Wagner liegt also dieser Zettel, seine Notizen, das Fallbeispiel. Anhand dessen er nun das Problem der Verjährung deutlich zu machen versucht. Wird ein Kind missbraucht, ist der Fall nach zehn Jahren verjährt. So steht es im Gesetz. Nun ist aber auch das Strafrecht nicht für die Ewigkeit geschrieben worden.

Vielmehr lebt es. Ständig erfährt es Einschübe, Ergänzungen, Erweiterungen. So gilt beispielsweise seit 1992, dass die Verjährung bei sexuellem Missbrauch von Kin­dern erst zu beginnen hat, wenn das Opfer 18 Jahre alt geworden ist. „Dass heißt: Vom Tatzeitpunkt aus gerechnet kann die Frist deutlich länger sein als zehn Jahre“, sagte Wagner. Sogar aussetzen kann die Behörde sie.

„All das prüfen wir zurzeit“, erklärt der Behördenleiter und schiebt nach: „Auch darum war es wichtig, dass das Bistum die Zusammenarbeit mit uns sucht.“ Derzeit sieht es so aus, als könnte in wenigstens einem Fall der irdischen Gerechtigkeit Genüge getan werden. „Ja, womöglich können wir da Anklage erheben“, sagt Wagner. Und sieht in dem Moment durchaus zufrieden aus.

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