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Vor ihm zitterten die Ganoven

Mü - Es ist immer schwer, von „Kultfiguren“ Abschied zu nehmen. Denn mit ihnen stirbt auch ein Stück der eigenen Lebensgeschichte, die ja gerade auch in den 60er und 70er Jahren stark von einem Fernsehen geprägt war...

unserem Redaktionsmitglied Johannes Loy

München/Münster - Es ist immer schwer, von „Kultfiguren“ Abschied zu nehmen. Denn mit ihnen stirbt auch ein Stück der eigenen Lebensgeschichte, die ja gerade auch in den 60er und 70er Jahren stark von einem Fernsehen geprägt war, das nur aus gut zweieinhalb öffentlich-rechtlichen Kanälen bestand. Ob Peter Frankenfeld, Wim Thoelke, Hanns Joachim Friedrichs, Hans-Joachim Kulenkampff oder jetzt Eduard Zimmermann: Sie alle waren auf ihrem medialen Gebiet herausragende Figuren einer bedächtigen, aber sehr vertrauten Fernsehwelt.

Heute ehrt man Eduard Zimmermann, der am Samstag im Alter von 80 Jahren in einem Münchner Altenheim gestorben ist, als einen der Pioniere des „Reality-Fernsehens“. Damals war seine Verbrecher-Suchsendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ ein Straßenfeger, aber doch noch meilenweit weg von den marktschreierischen „Formaten“ unserer Tage. Eher wie ein akribischer Bürokrat wickelte Zimmermann seine Fälle ab, die Schaltkonferenzen nach Zürich oder Wien ( „Hallo, Peter Niedetzky, hören Sie mich?“) wirkten hausbacken, die Einspielfilmchen mit mehr oder minder unbekannten Schauspielern fast unbeholfen. Doch in seiner Zeit war das alles vergleichsweise revolutionär. Das Faszinierende an diesen Fällen war eben, dass sie nicht erfunden, sondern der Realität nachgespielt wurden. Allein schon durch Fahndungsfotos oder zu identifizierende Beutestücke sah sich der Zuschauer mit dem Verbrechenssumpf konfrontiert - vom miesen Sittenstrolch bis hin zum international gesuchten Terroristen.

Eduard Zimmermanns Adoptivtochter Sabine teilte am Sonntag mit: „Mein Vater hat immer selbstbestimmt gelebt und in den letzten Stunden deutlich gezeigt, dass es jetzt gut und der richtige Zeitpunkt gekommen ist.“

Seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte Zimmermann vor gut zwei Jahren bei einem Fest rund um die 400. Ausgabe seines Kriminalmagazins „Aktenzeichen XY... ungelöst“ (seit 1967), das heute von Rudi Cerne moderiert wird. Zuschauern fiel auf, dass Zimmermann bei den nur noch selten stattfindenden Talkshow-Auftritten große Mühe hatte, klare Sätze zu formulieren. Gestern hieß es, dass Zimmermann nach dem Tod seiner Frau Rosmarie, die neben Sabine noch Tochter Heike in die Ehe gebracht hatte, 2008 von seinem Wohnsitz in der Schweiz nach München gezogen sei, wo er zusehends dement und schwächer wurde. Die Beerdigung soll im Familienkreis stattfinden.

ZDF-Intendant Markus Schächter würdigte Zimmermann gestern als einen „Pionier des Realitätsfernsehens“: „Zimmermann hat die Möglichkeiten des Fernsehens für die Verbrechensbekämpfung früh erkannt und konsequent eingesetzt“, sagte Schächter. Seit Mitte der 70er Jahre setzte Zimmermann seine Popularität ein, um mit dem von ihm gegründeten „Weißen Ring“ Verbrechensopfern zu helfen. In der Sendung „Vorsicht Falle!“ (1964-2001) warnte er über viele Jahre erfolgreich vor „Neppern, Schleppern und Bauernfängern“. Eduard Zimmermann erhielt zahlreiche Auszeichnungen - vom Bundesverdienstkreuz bis zum Grimme-Preis.

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