1. www.wn.de
  2. >
  3. Archiv
  4. >
  5. Wandel mit Marx

  6. >

Politik Inland

Wandel mit Marx

wn

Von der rundgesichtigen Frohnatur Marx ist eine Slapstick-Nummer bekannt. Dabei lässt er eine von ihm so geliebte dicke Zigarre während eines Gesprächs derart abrupt aus dem Mund fallen, dass es dem Gesprächspartner den Atem verschlägt.

Marx jedoch, der neue Kardinal, grinst dann nur und schnappt den überdimensionalen Glimmstängel geschickt mit der Hand auf. So kann er Empörung oder Überraschung inszenieren. Oder eine unliebsame Frage umschiffen. Marx wird das Gesicht der katholischen Kirche in den kommenden Jahrzehnten sein. Noch ist er nicht Vorsitzender der Bischofskonferenz. Dass er es 2014 wird, ist durchaus wahrscheinlich. Doch selbst wenn er dieses Amt nicht übernimmt, wird seine Prägekraft die Kirche stark dominieren.

Die katholische Kirche in Deutschland steht personell wie strukturell vor einer Zeitenwende. Nicht zuletzt der Missbrauchsskandal markiert eine Zäsur. Die Volkskirche war einmal, und die bei einigen empfundene Aufbruchsstimmung nach dem 2. Vatikanischen Konzil vor nunmehr bald 50 Jahren hat sich auch verflüchtigt. Vor allem leidet die Kirche an ihrer inneren Zerrissenheit. Mehr noch als an einer Ökumene mit den Protestanten, als an einem Dialog mit der islamischen und der säkularen Welt, fehlt es an innerer Integration und Zusammenhalt. Längst ist die Konfliktlinie nicht mehr zwischen Laien und Klerikern zu sehen, sondern zwischen rechts und links. Eine Art innere Ökumene scheint die Aufgabe der Zukunft zu sein. Dafür könnte Marx der Richtige sein.

Marx wird schnell als Konservativer eingeordnet, weil er den Priester suspendiert hat, der beim Ökumenischen Kirchentag ein sogenanntes gemeinsames Abendmahl veranstaltet hat. Doch ein voreiliges Einsortieren ist verfehlt. Gerne durchbricht er Klischees. So steht er selbstverständlich für „Romtreue“, aber auch für ein klares politisches Engagement der Kirche. Zuletzt hat er sich im Missbrauchsskandal als Aufklärer positioniert, als andere noch glaubten, es gelte vor allem die Institution zu schützen. Marx ist nicht so einfach zu fassen. So wenig wie seine Zigarre.

Startseite