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Warendorfer zurück aus Afghanistan: „Die Angst hat mich immer begleitet“

Katharina Fiegl

Warendorf - „Die Angst“, sagt Volker Hoffmann, „hat mich immer begleitet.“ Genauso wie Uniform und Waffen - aber die habe er zumindest in den acht Stunden Nachtruhe ablegen können, die dem Stabsfeldwebel zuletzt vergönnt waren. Der 42-Jährige hat vom 6. Januar bis zum 21. April die Arbeit in einem Mikrokosmos gegen die in einem anderen getauscht. Von der Sportschule der Bundeswehr in Warendorf wechselte er ins Feldlager Kunduz in Afghanistan. Im Kriegsgebiet war er als sogenannter Betreuungsfeldwebel für die Freizeitgestaltung der Soldaten verantwortlich.

Freizeit - im Feldlager Kunduz ist das gleichbedeutend mit Regenerationszeit. Drei bis vier Tage befindet sich ein Teil der Angehörigen der Streitkräfte „im Raum“: Sie halten Positionen. Zur gleichen Zeit erholt sich der andere Teil im Feldlager. „Draußen sind Anspannung und Belastung ungemein hoch. Da bedarf es dieser Freizeitphasen“, berichtet Hoffmann. Doch auch im Feldlager seien die Soldaten nicht vor Todesangst gefeit: „Mit der ersten Rakete, die 300 Meter entfernt von mir eingeschlagen ist, war ich frei von jeglicher Illusion: Selbst vor den Unterkünften machen die Taliban nicht halt. In solchen Situationen siehst du nur zu, dass du mit zitternden Knien in den Bunker kommst.“

So kommt der Betreuungseinrichtung im Lager eine wichtige Aufgabe zu: Ablenkung. Hier brachte Volker Hoffmann seine an der Sportschule und in seinem ersten Auslandseinsatz erworbenen Kenntnisse ein. Im Jahr 2000 nämlich hatte er bereits als Sport- und Betreuungsfeldwebel im Kosovo fungiert.

Logistik, Administration, Betreuung waren die Säulen seiner Arbeit bei Kunduz. Gemeinsam mit einem zwölfköpfigen, ihm unterstellten Team trug der Stabsfeldwebel Sorge für die Organisation von Freizeitveranstaltungen, die Postzustellung sowie die Versorgung mit kühlen Getränken und Essen. Kühlen Getränken? „Es gab abends höchstens zwei Büchsen Bier - dann war Schluss“, beeilt sich der Warendorfer zu erläutern. Schließlich drohte jederzeit die Gefahr eines Angriffs.

Ein Lager mit einer Grundfläche von rund 500 mal 500 Metern, umsäumt von Mauern und Stacheldraht, bietet nicht die besten Gegebenheiten für ein abwechslungsreiches Unterhaltungsprogramm. Denn abgesehen von strahlendem Sonnenschein (O-Ton Hoffmann: „Ich bin knackebraun.“), hatte die lagereigene Infrastruktur nur einen kleinen Kraftraum und ein Beachvolleyball-Feld zu bieten - „mit faustgroßen Kieseln“.

So wurde aus dem Betreuungsfeldwebel ein gewiefter Turnierleiter, ob im Kickern, Billard, Poker oder Skat. Hatte das Wetteifern einmal ausgedient, zeigten Hoffmann und Co. DVDs. „Da sieht man dann erwachsene Männer bei einem Film wie ,Ice Age richtig Spaß haben“, erinnert sich Hoffmann gern zurück. Keinesfalls, betont der 42-Jährige, habe er nur negative Erfahrungen gesammelt: „Ich hatte das Gefühl, eine für die Jungs wichtige Arbeit zu verrichten, es gab durchweg tolle Rückmeldungen. Kein Wunder - ich war ja auch der einzige, der DVDs, Grillfleisch und kühle Getränke im Angebot hatte.“ Zudem habe er den Austausch mit Amerikanern, Briten und Skandinaviern geschätzt, die auf der Durchreise im Lager nächtigten.

Zu Recht besteht der Stabsfeldwebel darauf, nicht als „Animateur“ bezeichnet zu werden. Denn so viel er sich auch um gute Stimmung bemühte, so viel Fingerspitzengefühl wurde Volker Hoffmann in rund 15 Wochen in Afghanistan abverlangt. Zum einen im alltäglichen Leben, wenn die Soldaten ihre Eindrücke „aus dem Raum“ zu verarbeiten versuchten. Zum anderen in Krisensituationen - beispielsweise, nachdem an Karfreitag drei deutsche Kameraden in einem Hinterhalt im Gebiet Chahar Darreh ums Leben gekommen waren.

Ein schwerer Schlag, auch für Volker Hoffmann: „Den Jungs hatte ich noch Tage zuvor T-Shirts verkauft.“ Einige der bei Kunduz Stationierten hätten der nervlichen Belastung nach diesem Zwischenfall nicht mehr standgehalten: „Die haben sich ausfliegen lassen.“ Die Stimmung im Lager sei „absolut am Boden“ - spätestens, als rund zwei Wochen später noch vier weitere deutsche ISAF-Soldaten starben. „Da sind unzählige Einzelgespräche zu führen - im Kollektiv bringt das nichts.“

Woher er die Kraft für die Bewältigung dieser Aufgaben getankt hat, liegt für Hoffmann auf der Hand: „Die Familie ist mein stärkster Rückhalt. Sie gibt einem Gefühl von Sicherheit.“ Insbesondere, wenn sie so gut gemanagt werde wie von Ehefrau Stephanie: „Sie hat das meisterlich geregelt“, zollt der Warendorfer der Mutter seiner drei Kinder Linn (3), Mats (10) und Lasse (12) höchste Anerkennung. Die ständigen Hiobsbotschaften aus Afghanistan hätten auch seine Söhne mitbekommen. Allein deren Beruhigung sei kein leichtes Unterfangen für jemanden gewesen, der selbst in ständiger Angst gelebt habe.

„Gänsehaut pur“ sei es gewesen, als er schließlich Stephanie, Lasse und Mats am Kölner Flughafen hätte in die Arme schließen können. „Und dann“, berichtet Hoffmann lachend, „bin ich zum Fußballtraining gefahren.“ Da nämlich wartete mit der WSU-Reserve gleich die nächste zu betreuende Horde „Jungs“ auf ihn.

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