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„Melancholia“

Warten auf das Ende - Kammerspiel um Depression und Weltuntergang

Hans Gerhold

Während der Planet „Melancholia“ auf die Erde zurast, ziehen zwei Schwestern, eine hochgradig depressiv, die andere geerdeter, Bilanz. In seinem neuen Film setzt der dänische Autor-Regisseur Lars von Trier zwar das apokalyptische Ereignis als Ausgangspunkt, geht aber gängigen Science-Fiction-Bildern weitgehend aus dem Weg und inszeniert ein konzentriertes, intimes Kammerspiel um den Geistes- und Krankheitszustand Melancholia (nicht umsonst heißt auch der Unheil-Planet so), für den von Trier adäquate Szenen findet. In der Ouvertüre bereiten in Ultrazeitlupe aufgenommene Bilder eines Parks, stürzender Pferde und des Planeten, begleitet von Motiven aus Richard Wagners „Tristan und Isolde“, auf den Weltuntergang vor. Zwei gleich lange Kapitel folgen. In „Justine“ läuft das Hochzeitsfest der hochgradig depressiven Justine (Kirsten Dunst) aus dem Ruder, löst sich die Gesellschaft auf, zeigt Hochmut vor dem Fall. In „Claire“ rückt der Planet in den Mittelpunkt, bringt Justine und ihre sich um sie kümmernde Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) in den letzten Stunden vor dem Inferno wieder zusammen. Kirsten Dunst bringt in ihrer Darstellung Justines Depression, ihre Dauertrance und das unvermittelte Umschlagen von Haltung in Auflösung auf den Punkt, speziell in der Szene, wo sie es nicht schafft, vor dem Bad ihre Beine über den Wannenrand zu heben. Später, als das Ende gewiss ist, verschiebt sich das Machtverhältnis der Schwestern, wird Justine in dem Maße ruhiger, in dem die so organisierte Claire der Panik verfällt. Alles läuft in Breitwandbildern von rauschender morbider Schönheit ab, die Motive der deutschen Romantik atmen und mit Naturmystik, dem Park wie in Alain Resnais „Letztes Jahr in Marienbad“ und der Erotik von Frauen und Pferden spielen. Kirsten Dunst am nächtliche Weiher ausgestreckt, brennende goldfarbene Lampions und immer wieder der Planet im Fokus, gehören zum Besten, was von Trier inszeniert hat. Zu den Zuspielern in diesem Drama der Dämmerung der Menschheit gehören der großartige Stellan Skarsgard als Justines Chef, John Hurt als humorvoller charakterloser Vater der Schwestern und Charlotte Rampling als inzwischen mit Kiefer Su­therland verheiratete arrogant abweisende Mutter. Das endgültige Ende nach dem langen Warten inszeniert von Trier mit einer Konsequenz, die die Chuzpe des Provokateurs zeigt, der er trotz des für ihn sehr reifen Werks noch ist. Dafür verzeiht man die didaktische Attitüde der Theaterabende der USA-Filme „Dogville“ und „Manderlay“ und „Antichrist“. Das hier ist der von Trier von „Breaking the Waves“ und „Dancer in the Dark“, der das Individuum über die Apokalypse triumphieren lässt.

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