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Hintergrund

Weltweit hohe Erwartungen an den neuen US-Präsidenten

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Washington - Die Wahl des neuen US-Präsidenten am Dienstag wird weltweit von vielen Hoffnungen und Erwartungen begleitet:

RUSSLAND verbindet die Wahl in den USA mit der Hoffnung, dass das Weiße Haus in Zukunft mehr Verständnis für die Sicherheitsinteressen der aufstrebenden Wirtschaftsmacht zeigt. Präsident George W. Bush hatte mit seiner Machtpolitik die Russen wiederholt bis zur Weißglut gereizt. Neben der geplanten US-Raketenabwehr in Polen und Tschechien war das vor allem die Forderung nach einer NATO-Mitgliedschaft der Ukraine und Georgiens. Im jüngsten Südkaukasus-Konflikt übte die USFührung scharfe Kritik an Russland. Vom Bush-Nachfolger erhofft sich Moskau mehr Pragmatismus auch in Menschenrechts-Fragen.

ISRAEL wünscht sich einen neuen US-Präsidenten, der eine harte Politik im Atomstreit mit dem Iran verfolgt sowie den Boykott radikaler und militanter Palästinenserorganisationen fortsetzt. Jede israelische Regierung hofft außerdem, dass der neue US-Präsident wie sein Vorgänger keinen Druck auf Israel ausübt, bestimmte Kompromisse in den Friedensgesprächen mit den Palästinensern zu machen. Die moderate Palästinenserführung um Präsident Mahmud Abbas wünscht sich, dass der Friedensprozess mit Israel rasch fortgesetzt wird. Die radikale Hamas hofft, dass der internationale Boykott gegen sie aufgehoben wird.

FRANKREICH würde Obama wählen. Auch Präsident Nicolas Sarkozy hat aus seiner Vorliebe für Barack Obama keinen Hehl gemacht. Er hofft darauf, dass Obamas Wahlsieg eine neue Ära der Partnerschaft zwischen der EU und den USA einleitet. Gemeinsame Militäraktionen an den Krisenherden in aller Welt, der Kampf gegen den Klimawandel und der Aufbau einer neuen Finanzstruktur – das sind die Themen, die die französische Regierung mit Blick auf die US-Wahl bewegen.

In GROSSBRITANNIEN gehen Beobachter davon aus, dass der nächste US-Präsident London und andere europäische Länder um Tausende neuer Soldaten für Afghanistan bitten wird. So könnte Premierminister Gordon Brown mit der Bereitstellung von Truppen - etwa nach einem Rückzug aus dem Irak – die speziellen britischamerikanischen Beziehungen neu beleben. Brown erwartet vom nächsten US-Präsident auch eine „starke Führung“ in der Finanzkrise.

In PAKISTAN dürfte die US-Regierung von George W. Bush inzwischen so unbeliebt sein wie kaum in einem anderen Land der arabischen Welt. Offiziell ist die Regierung in Islamabad zwar ein enger Partner der USA im Kampf gegen den Terrorismus. Die Bevölkerung aber steht diesem Kampf immer ablehnender gegenüber. Die Wut auf die USA wurde in den vergangenen Monaten besonders durch US-Raketenangriffe und einen Bodenangriff auf pakistanisches Territorium angefacht.

INDIEN gehört zu den klaren Gewinnern der Ära des scheidenden USPräsidenten: George W. Bush sorgte mit dem zivilen Nuklearpakt für die de-facto Anerkennung des südasiatischen Landes als legitime Atommacht. Dem indischen Erzfeind Pakistan verweigerte Bush einen solchen Deal. Bush bemühte sich wie kein US-Präsident vor ihm um die Zusammenarbeit mit der aufstrebenden Wirtschaftsmacht Indien, von der Washington hofft, sie könnte eines Tages ein Gegengewicht zu China werden. Die indische Regierung erwartet vom künftigen US-Präsidenten, dass dieser Kurs fortgesetzt wird.

Die Beziehungen LATEINAMERIKAS zu den USA sind seit langem von einer Haß-Liebe geprägt. Der Faszination für den American way of life steht die Verbitterung über die oft als arrogant empfundene Einmischung des großen Bruders im Norden gegenüber. Umfragen in fast allen Ländern haben eindeutige Mehrheiten für Barack Obama aufgezeigt. Außer Kolumbien, dessen konservative Regierung auf USMilitärhilfe bei der Bekämpfung linker Rebellen setzt, gilt kaum eine Regierung des Subkontinents als offener Anhänger eines republikanischen Wahlsiegs.

In CHINA ist Barack Obama deutlich populärer als sein Gegenspieler John McCain. Allerdings muss Peking damit rechnen, dass Obama in Handelsfragen, die in den Beziehungen der USA zur drittgrößten Handelsnation China eine zentrale Rolle spielen, kompromissloser auftreten würde als McCain. Demokraten waren immer schon eher protektionistisch veranlagt, auch hat Obama im Wahlkampf gefordert, China müsse sich „an die internationalen Spielregeln halten“. In der Geschichte haben sich neue US-Präsidenten gerade zu Beginn ihrer Amtszeit immer an China gerieben. Die Kernfrage in den Beziehungen ist immer Taiwan gewesen.

Die ARABISCHE WELT hat bei der US-Wahl einen klaren Favoriten: Barack Obama. Doch selbst wenn sein Rivale McCain den Sieg davontragen würde, wären die Menschen zwischen Damaskus und Rabat zufrieden. Nach dem Motto: Hauptsache, der Wandel kommt. Denn die Nahost-Politik der USA unter Präsident George W. Bush ist aus ihrer Sicht so falsch gewesen, dass sie glauben, mit jedem anderen Präsidenten könne es nur besser werden. Umfragen zufolge ist die Beliebtheit der USA in der Region derzeit so gering wie nie zuvor.

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