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Westerwelle wäre so gern dabei

unserem Korrespondenten Franz Ludwig Averdunk

Berlin - FDP-Chef Guido Westerwelle sitzt am Sonntagabend zwar zu Hause, aber am ganz falschen Platz: Er möchte gerne auch im Studio dabei sein - statt des Duells der Kanzlerin und ihres Herausforderers ein Gruppenkampf, bei dem sich auch die Vorleute von Liberalen, Grünen und Linken ins Wortgetümmel schmeißen. Dem zuschauenden Volk könnte es nur recht sein: Wahlkampf als echte Alternative zum zeitgleich ausgestrahlten Simpsons-Klamauk.

Freilich: Auch wenn Westerwelle ablästert über das „gebührenfinanzierte Selbstgespräch der Kanzlerin und ihres Vizekanzlers“: Die „Realsatire“, von der er spricht, wird für so manche Zuschauer doch zum Fernsehvergnügen. So rufen etwa in Berlin schon Kneipen zum „Rudelgucken“ auf.

Gemeinsam die Treffer mitzählen: Da könnte Angela Merkel punkten. Schlagfertig war sie schon immer - auch wenn es Umfragen zufolge vor vier Jahren beim TV-Duell gegen Gerhard Schröder nicht gereicht hat. Aber in ihrer Kanzlerinnenzeit wuchs ihr Selbstbewusstsein. Zudem ist der ruhige Frank-Walter Steinmeier ein ganz anderer Typ als der quirlige Schröder.

Es wird sich zeigen, ob die beiden ihre Trainingsstunden gut nutzten. Und geübt haben sie. Haben viele denkbare Situationen von Mitarbeitern durchspielen lassen. Beide nehmen den Auftritt sehr ernst. Es geht bei der Bundestagswahl für sie persönlich um viel: Kann Merkel ihre Union nicht nach vorne bringen, kommt es womöglich zunächst zu einer Neuauflage der großen Koalition, nach vielleicht zwei Jahren dann zu Rot-Rot-Grün - und sie ist weg als Regierungschefin. Kann Steinmeier Schwarz-Gelb nicht verhindern, sieht seine politische Zukunft nicht gerade rosig aus.

Training: Auf die Reizthemen konnten sie sich gut vorbereiten. Steinmeier wird die Kernenergie-Karte ausspielen. Und auf einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn pochen. Merkel wird vor allem nur Merkel darstellen: Mit ihr aus der Krise.

Sozial und fair: Das Thema Manager-Boni hat für Merkel nach dem Landtagswahlen-Schock der CDU einen größeren Stellenwert bekommen. Womöglich hat Steinmeier noch etwas im Köcher. Gerecht sei, dass die Finanzwirtschaft sich an den Krisen-Kosten beteilige, unternahm er gerade einen Vorstoß für eine internationale Steuer für Finanztransaktionen. Finanzminister Peer Steinbrück - bisher stets dagegen - ließ sich kurz vor dem Duell mit ins Boot holen.

An Mimik und Gestik werden beide noch am meisten gefeilt haben - eingedenk der Geschichte der Wahlkampf-Duelle im Fernsehen. Sie begann im November 1960. Die beiden Präsidentschaftskandidaten John F. Kennedy (braun gebrannt) und Richard Nixon (unrasiert und blass nach einem Krankenhausaufenthalt) traten gegeneinander an. Kennedy gewann später die Wahl. Dem TV-Auftritt wird ein Anteil daran zugemessen.

Ob gleich vier fragende Journalisten das Merkel-Steinmeier-Duell eher behindern als fördern, bleibt abzuwarten. In jedem Fall steht in zwei Häusern schon fest, wer am Ende die Nase vorn hat. Im Konrad-Adenauer-Haus und im Willy-Brandt-Haus sind die Sätze vorbereitet, mit denen jeweils Siegerin und Sieger ausgerufen werden.

Guido Westerwelle weiß auch schon, wie er im heimischen Fernsehsessel die Sendung empfinden wird: „Das ist ja kein Duell, sondern eine öffentliche Kabinettssitzung“, unkte er vorab.

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