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„Whatever Works“: Der Griesgram der Geistesblitze

Hans Gerhold

Nach vier Filmen in Europa ist Woody Allen mit seiner 40. Regiearbeit „Whatever Works“ für einen Zwischenstopp (der nächste Film spielt wieder in London) nach New York zurückgekehrt, wo er ein altes Projekt aufnahm, dem man genau das ansieht.

Als wolle er aus seinem genialen „Stadtneurotiker“ der 70er Jahre den Misanthropen des neuen Millenniums machen, rechnet Allen in den ersten Minuten im Monolog seiner Hauptfigur mit Amerika und der Welt ab, dass es sich gewaschen hat.

Es folgt eine verlotterte Version des verkaterten Pygmalion-Stoffs, bis mit dem Eintreffen weiterer Personen (Patricia Clarkson!) eine moderne Screwball Comedy auf dem Plan steht, in der sämtliche Ausgangspositionen neu gemischt werden und die Ode an Lebensfreude, sexuelle Befreiung und die Macht des Zufalls ihren mit geistreichen Dialogen unterfütterten Lauf nimmt.

Das hat anfangs wenig Charme und einen bizarren Schmuddel-Look, entwickelt sich aber zu einem großzügigen und warmherzigen Allen-Cocktail der milden Art, in dem seine Dauerthemen Liebe, Sex, Untreue und Unsterblichkeit durchdekliniert werden.

Der emeritierte, geschiedene und vergammelte Physik-Professor Boris Yellnikoff (Larry David), dem sein Genie doch nicht den Nobelpreis eingebracht hat, versteht die Welt nicht mehr, liest jedem die Leviten und ist der schrecklichste Besserwisser, seit Allen Manhattan schuf.

Dem Griesgram der Geistesblitze läuft die ausgerissene naive Südstaatenschönheit Melody (Evan Rachel Wood) über den Weg, die sich bei ihm einnistet, sich in ihn verliebt, ihn heiratet und dem von hypochondrischen Anfällen geplagten Miesepeter („Ich habe den Abgrund des Todes gesehen“) eine patente, knapp 50 Jahre jüngere Frau ist.

Wie ein Sturmwind taucht Melodys Mutter (Patricia Clarkson) auf, die dem alten Bock Paroli bietet, für Melodys Libido einen jungen Schauspieler besorgt und sich selbst zwei Männer gönnt. Das ist endlich wieder Allen, der auf die Kraft der Liebe setzt und jedem alles gönnt, vorausgesetzt, es funktioniert und schadet niemandem (What­ever Works).

Boris, auch eine Variation des unschlagbaren Boris Gruschenko von 1974, darf zwar die letzte Zuschaueransprache halten, aber den besten Dialog hat Melody, wenn sie ihrem Partner über die Heisenbergsche Unschärfenrelation erklärt, wie Sex funktioniert: Alles nur Quantenmechanik.

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