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Wider sprachlose Gewalt: Caritas berät Männer, die ihre Familien misshandeln

Julia Gottschick

Münster/Hamm - Der jüngste ist 15, ein typischer schwerer Junge und von der Schule geflogen. Der älteste ist Mitte 50, Geschäftsführer eines erfolgreichen Betriebes. Dazwischen liegen Langzeitarbeitslose, Sozialarbeiter, Fachkräfte, Lehrer und Theologen. Die Männer, die Andreas Moorkamp berät, könnten verschiedener nicht sein. Dennoch ha­ben sie eines gemeinsam: Sie misshandeln ihre Familien.

„Gewalt ist unabhängig von Schicht oder Bildung“, betont der Gewaltberater der Gesellschaft „Schutz bieten, Kraft ge­ ben, Mensch sein“ (SKM) des Caritasverbands Münster. Seit 2004 gibt es diese Krisenberatung, die den Perspektivwechsel gewagt hat.„Weg von der der Opfer, hin zu jener der Täter, ohne ihnen die Verantwortung für ihr Tun nehmen zu wollen“, sagte Diözesan-Caritasdirektor Heinz-Josef Kessmann gestern in Mün­ster.

2008 wurde das Angebot auf die Städte Hamm und Herten ausgeweitet. Mittlerweile ist die Zahl der Hilfesuchenden so gestiegen (161 Kontakte im Jahr 2006, 466 in 2009), dass unter dem Motto „Echte Männer reden“ ein Beratungsnetzwerk im Bistum entstehen soll. „Wann ist ein Mann ein Mann?“ stellte bereits Herbert Grönemeyer in seinem Song „Männer“ auf das gängige Klischee ab.

Glaubt man dem Berater, läuft das vermeintlich starke Geschlecht tatsächlich einem solchen Leitbild hinterher. „Jäger“ zu sein, robust und angstfrei, leistungsorientiert und bar jeder Schwachstelle zu funktionieren. Viele Männer, so Moorkamp, spürten ihre körperlichen und psychischen Grenzen nicht mehr und verlören so das Gespür für die Grenzen der anderen.

Auf diese Art geschehe dann das - oft auch für Täter - Unfassbare, nämlich, dass sich der steigende Druck in häuslicher Gewalt entlädt. „Es ist einfach so passiert“, den Satz bekommt der Berater öfters zu hören.

25 Prozent aller Frauen, das belegt eine Studie, haben mindestens einmal in ihrem Leben häusliche Gewalt erlebt. „Und zu jedem Opfer gehört ein Täter“, sagt der Pädagoge plakativ. Wer aber sind nun diese Männer, die zu ihm finden? Welche, die Reue empfinden, die ihre Beziehungen und Familien retten wollen - aber nicht wissen, wie. Jene, die es können, übernehmen als Zeichen ihrer Einsicht die Stundengebühr von 52 Euro.

„Ich hab es meiner Frau tausendmal erklärt, die will mich nicht verstehen“: Wenn ein Streit zwischen Partnern eskaliert und Worte nicht mehr ankommen, „Männer sich womöglich ohnmächtig fühlen angesichts weiblicher Wortmacht“ - dann entsteht laut Moorkamp bei Männern mit Hang zur Gewalt ein Denkfehler. Dass das Problem gelöst, Druck abgebaut werden könne durch Schläge, Schubsen, Zerren und Festhalten.

An dieser Stelle setzt der Pädagoge an: ersetzt Ohnmacht durch ein Gefühl fürs eigne Selbst, eigene Grenzen, eine gewaltfreie Möglichkeit, sich zu artikulieren. Allein, bis Männer, die bereits als Jungen sprachlos waren, das gelernt haben - das kann dauern. „Eineinhalb Jahre bestimmt“, sagt Moorkamp.

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