1. www.wn.de
  2. >
  3. Archiv
  4. >
  5. Wie im Spionagethriller

  6. >

Politik Ausland

Wie im Spionagethriller

F. Diederichs

Washington - Sie schienen ganz gewöhnliche Bürger zu sein, die seit Jahren in amerikanischen Großstädten wie New York, Seattle oder Boston lebten - und sich mit Nachbarn über das Wetter, die Schulen und die Mühen der Gartenpflege unterhielten. Doch insgeheim sollen die elf Frauen und Männer, die von der US-Justiz jetzt angeklagt wurden, unter falschen Namen im Auftrag des russischen Geheimdienstes gearbeitet haben. Ihre wichtigste Aufgabe, so die Ermittler: In jene Kreise im Weißen Haus einzudringen, in denen politische Entscheidungen gefällt werden. Es handele sich bei den Festgenommenen nur „um die Spitze eines Eisbergs“, so US-Staatsanwalt Michael Farbiarz.

Die Einzelheiten über den nun gesprengten Spionage-Ring erinnern an den Höhepunkt des Kalten Krieges zwischen Washington und Moskau - und wollen gar nicht zu jenem „Neustart“ der Beziehungen zwischen den Supermächten passen, den Barack Obama und sein Amtskollege Dmitri Medwedew vergangene Woche gefeiert hatten. Wie schwer die Enttarnung der mutmaßlichen Agenten das Verhältnis der beiden Staaten belasten wird, ist derzeit noch nicht absehbar. Doch Details der FBI-Untersuchung und die Dechiffrierung von verschlüsselten Botschaften zeigen, dass Moskau und der russische Auslandsgeheimdienst SVR offensichtlich sehr daran interessiert waren, die tatsächlichen Ansichten und Pläne des US-Präsidenten rechtzeitig zu erfahren. Die Themenbereiche waren dabei breit gestreut - und reichten von der Iran- und Afghanistan-Politik des Weißen Hauses bis hin zu den Start-Abrüstungsverhandlungen.

So erhielten zwei Verdächtige nach Berichten von US-Medien 2009 den Auftrag, einen Obama-Besuch in Moskau vorzubereiten. Sie sollten vier hohe Mitarbeiter des US-Außenministeriums mit der Zielsetzung ausforschen: „Versuchen Sie ihre Ansichten zu skizzieren, vor allem Obamas Ziele für den Gipfel im Juli zu erfassen und auch die Pläne, wie Russland in eine Kooperation im Sinne der US-Interessen gelockt werden soll.“ Doch was keiner der nun angeklagten Personen wusste: Das FBI war ihnen schon lange auf den Fersen. Auch dass die mutmaßlichen Spione mit unsichtbarer Tinte, gefälschten Identitäten sowie verschlüsselten Direkt-Botschaften zwischen Laptops arbeiteten, half ihnen nicht. Und auch das in New Jersey lebende Ehepaar Richard und Cynthia Murphy ahnte nicht, dass die Augen der US-Fahnder längst auf sie gerichtet waren. Die Kommunikation der beiden mit dem Führungsoffizier in Moskau ist Teil der Anklage - und zeigt, wie sich beide von ganz unten hocharbeiten sollten.

Startseite