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i-Männchen ohne „Onkel Doktor“

Wie viel Gesundheitsamt ist nötig?

Achim Giersberg

Kreis Steinfurt - Fünf Millionen Euro Zuschussbedarf pro Jahr habe das Kreisgesundheitsamt, erinnerte Kreisdirektor und Finanzdezernent Dr. Martin Sommer zu Beginn der Sondersitzung des Ausschusses für Soziales und Gesundheit am Dienstagabend an die Fakten. Die Politik solle sich deshalb fragen: „Wie können wir mit begrenzten Mitteln das Optimale erreichen?“ Gefragt war nach den „künftigen Kernaufgaben“ des Gesundheitsamtes. Schnell stellte sich heraus, dass die vom Umfang her weniger sein können, als sie es heute sind.

Ob dabei auch wie von der Verwaltung vorgeschlagen, Außenstandorte aufgegeben werden können, das ließ der Ausschuss bewusst noch offen. Erst die Inhalte, dann die Standortfrage, so die Übereinkunft.

Schnell kristallisierte sich in der Diskussion eine Art „großer Koalition“ zwischen CDU und SPD heraus. Beide sprachen sich dafür aus, Doppelstrukturen aufzulösen, Gebühren anzupassen und auf nur schlecht angenommene Angebote zu verzichten und andere Serviceleistungen zu bündeln und besser zu vernetzen. Elisabeth Veldhues, SPD: „Für uns ist das heute der Einstieg in die Diskussion. Wo welche Aufgaben zusammengefasst werden können, das zeigt sich erst später.“ Schon jetzt zeigt sich dagegen, wo es Handlungsbedarf und Sparpotenziale gibt:

Schuleingangsuntersuchungen: Künftig sollen Arzthelferinnen und sozialmedizinische Assistentinnen und nicht mehr Ärzte die Reihenuntersuchung durchführen. Stattfinden sollen sie nicht mehr in der Schule, sondern in den Kindergärten. Heike Weiss, CDU, Elisabeth Veldhues und Elke Schuchtmann-Fehmer; Grüne, waren sich einig, dass hier „Doppelstrukturen“ vorgehalten würden. Eine Überlegung sei auch, Kinder ganz von der Untersuchung zu befreien, die die U9-Untersuchung des Kinderarztes vorlegen, die „1:1 dasselbe“ beinhalte, so Sommer. Nur „Problemkinder“ und Kinder ohne U9-Untersuchung würden dann noch vom Amtsarzt untersucht - das aber umso gründlicher.

» Untersuchung von Entlassschülern; Diese freiwillige Leistung, so Gesundheitsamtsleiter Dr. Detlef Schmeer, werde immer seltener wahrgenommen und bringe nur wenig. Die Jugendlichen nähmen den ärztlichen Rat zu einer gesünderen Lebensweise nur sehr selten an. „Lohnt der Aufwand? Wird die Zielgruppe erreicht“ fragte Veldhues und war sich mit der CDU einig, dieses flächendeckende Angebot aufzugeben.

» Amtsärztliche Begutachtungen: Diese, so Dr. Schmeer, seien eine Hauptaufgabe des Gesundheitsamtes. Veldhues kritisierte, dass keine kostendeckenden Gebühren genommen werden. „Unbedingt alsbald abstellen!“, so ihre Forderung.

» Methadonambulanzen: Die Aufgabe soll an die Kassenärztliche Vereinigung zurückgeben werden. Denkbar sei, dass die Kliniken in Ibbenbüren und Rheine in Zusammenarbeit mit niedergelassenen Ärzten die Versorgung unternehmen; in Steinfurt könnten Räume im Gesundheitsamt zur Verfügung gestellt werden.

Bei den psychosozialen Diensten sollen Einschnitte vermieden, aber die Vernetzung mit anderen Angeboten gestärkt werden. Die Schuldnerberatung soll eher ausgebaut als eingeschränkt werden. Die Unterstützung von Selbsthilfe und Ehrenamt, so Veldhues, sei durch die Beteiligung des Kreises am Netzwerk des DPWV sichergestellt; einer zusätzliche Unterstützung durch das Gesundheitsamt überflüssig. Die Mütterberatung soll ebenso eingestellt werden wie die Durchsicht der Impfbücher in den 9. Klassen. Größere Bedeutung als bisher wird der Öffentlichkeitsarbeit und Gesundheitsaufklärung zugestanden.

Nach gut zwei Stunden Diskussion war Dezernent Sommer mit dem Ergebnis recht zufrieden: „Wenn Mittel nicht zum Erfolg führen, ist es besser, sie zustreichen und anderswo einzusetzen“. Außerdem müsse man prüfen, ob bestehende Standards wirklich zu halten seien. Von der Politik erwarte er eine Prioritätensetzung: „Wir können uns nicht mehr alles leisten, was wir gewohnt waren.“

Das sahen auch CDU und SPD weitgehend so. Anders dagegen die Grünen. Sie plädierten, abgesehen von den Schuluntersuchungen, fast immer für den Erhalt der jetzigen Leistungen und schlugen sogar neue Schwerpunkte vor wie Beratungsangebote für Schwule und Lesben sowie bei Esstörungen. „Wer, wenn nicht das Kreis-Gesundheitsamt“ solle solche Leistungen übernehmen, fragte Schuchtmann-Fehmer.

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